Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 11.06.2017


Exklusiv

Die Schweinerei hinter dem Schnitzel um 1,99 Euro

Sauteurer Griller, billiges Schweinefleisch: Wenn Kunden nur auf den günstigsten Preis schauen, kommt das Bauern und Tieren teuer zu stehen.

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Von D. Darnhofer u. K. Siller

Innsbruck — Ramschfleisch-Alarm pünktlich zum Start der Grillsaison: Ein Mann hatte bei einem deutschen Diskonter mariniertes Grillfleisch entdeckt. 600 Gramm für 1,99 Euro. Seine Empörung teilte er mit Zehntausenden auf Facebook. Der Preis sei unmoralisch, so billig dürfte Fleisch nie und nimmer verschleudert werden. Auch das Tierwohl bereitete der erbosten Menge Sorgen. Doch was sagt der Fleischpreis wirklich über die Aufzucht der Tiere und die Fleischqualität aus? Ist er wirklich eine Orientierungshilfe?

Wir fragen Johann Schlederer. Der 56-Jährige ist Geschäftsführer der Österreichischen Schweinebörse und vertritt Österreichs Schweinebauern in Brüssel. „Leider ist Schweinefleisch für den Lebensmittelhandel zu einem attraktiven Lockmittel geworden", bedauert er. Was früher Bierkisten oder Waschmittel waren, ist heute Fleisch.

Dem widerspricht Nicole Berkmann, Unternehmenssprecherin der Spar-Gruppe gegenüber der TT. „Fleisch alleine ist kein Lockmittel. Gute und günstige Preise bei allen Produkten, auch bei Obst und Gemüse, sind es hingegen. Natürlich machen wir Aktionen, um Kunden in den Supermarkt zu bringen. Denn es ist eine Tatsache, dass Kunden sehr auf Lebensmittelpreise achten."

Die 1,99 Euro für 600 Gramm Schweine­nacken-Steak seien eine kurzfristige Aktion gewesen und „ja — das ist günstig", teilte Aldi Süd nach der Aufregung auf seinem eigenen Unternehmensblog mit. „Bei dem Angebot hat es sich um eine Aktion gehandelt, mit der wir auf unser Grillangebot aufmerksam machen wollten. Preisaktionen gibt es im übrigen Handel bereits seit Jahren", schreibt Aldi-Bloggerin Lina Unterbörsch. Nach einer gewissen Zeit würde der Preis wieder auf den Standard von 2,79 Euro angehoben. Die Preisrallye bedeute aber keineswegs eine schlechtere Produktion, bemüht sich der Diskonter herauszustreichen.

Weniger Bauern, mehr Tiere

Die Verkaufspreise machen allein die Lebensmittelhändler, betont Schlederer. Und um Kunden zu ködern, verzichten sie auf Handelsspannen. Da leidet laut Experte nicht nur das „Image eines hochwertigen Nahrungsmittels", sondern auch der Produzent: Gab es in Österreich vor dem EU-Beitritt noch 115.000 Schweinebauern, sind es heute nur noch 24.000. Hielt der durchschnittliche Halter damals 30 Tiere, sind es heute dafür 130. Die Großen fressen also die Kleinen.

Die verbliebenen Bauern haben die Produktion dafür intensiviert. Dank gezielter Züchtung kann eine Sau heute pro Jahr 25 Ferkel werfen, vor 40 Jahren waren es 15. Die Schweine wachsen schneller, brauchen gleichzeitig aber weniger Futter. Kostete das Schlachten und Zerlegen eines Schweines vor 20 bis 30 Jahren noch 60 bis 70 Euro, schafft man es heute dank besserer Mechanisierung und Organisierung um die Hälfte. Das Futter — und das macht immerhin zwei Drittel der Produktionskosten aus — kommt aus Österreich, mit Ausnahme von Soja. Dieses wird vorwiegend aus Südamerika importiert:

400.000 Tonnen sind es, und der Einsatz von Gentechnik ist da natürlich nicht auszuschließen. Wer für sein Schnitzel weniger bezahlen will, nimmt solche Entwicklungen in Kauf. „Das billige Fleisch stört uns auch massiv", sagt Michael Wurzrainer, Geschäftsführer des Tiroler Viehmarketing. Acht bis neun Euro müsste das Kilogramm Fleisch im Handel kosten, damit auch dem Bauern ein realistischer Gewinn bliebe — reines Wunschdenken.

Tirol spielt beim Thema Schweinefleisch mit seinen 30 kleinen Produzenten sowieso keine entscheidende Versorgerrolle. Immerhin verdrückt der Durchschnittsösterreicher 37 Kilogramm Schweinefleisch pro Jahr. Fünf Millionen Borstenviecher müssen alleine dafür ihr Leben lassen.

Zahlen & Fakten

  • 55,5 Kilogramm Schweinefleisch verbrauchten die Österreicher 2015 pro Kopf (inkl. Kosmetik, Futter für Haustiere etc.).
  • 7,5 Millionen Schweine werden pro Jahr in Österreich geschlachtet. 2,5 Millionen davon gehen in den Export.
  • 200 Euro kostet das Schwein dem Bauern. Zwei Drittel entfallen auf das Futter. Für das Ferkel bezahlt er 95 Euro.
  • 1,90 Euro erhalten die heimischen Erzeuger aktuell pro Kilogramm geschlachteten Schweinefleisch.
  • 193.427 Tonnen Schweinefleisch werden 2015 importiert. Es stammt meist aus Frankreich, Deutschland, den Niederlanden und Italien.

Der Anteil an Bio-Schweinen liegt übrigens nur bei 1,5 Prozent. Auch für die Zukunft prognostiziert Schlederer keine wirkliche Trendwende: „Die Masse der Verbraucher greift zu gut und günstig", meint er. Die Qualität des österreichischen Schweines stellt er damit nicht infrage.

"In zehn Jahren nur noch halb so viele Schweinebauern in Tirol"

Ganz anders die deutsche Foodwatch-Organisation. Für sie tragen die Billigpreise bzw. die Marktmacht der großen Handelskonzerne nicht nur Schuld am Bauernsterben, sondern auch am Leid der Tiere. Foodwatch prangert an, dass Nutztiere viel zu häufig krank werden. Ihre Forderung: die nachweislich tiergesunde und tiergerechte Fleischerzeugung. Kein Bauer bekäme für die exzellente Gesundhaltung seiner Tiere auch nur einen Extra-Cent.

Besser geht es freilich immer. In Tirol versucht man laut Wurzrainer, Nischen zu bedienen. Zum Beispiel mit dem Tiroler Bio-Schwein oder dem Almschwein, das im Moment mit 3,25 Euro pro Kilogramm Schlachtgewicht gehandelt wird.

Das Bio-Schwein kostet laut Schlederer zwei- bis dreimal so viel wie herkömmliches Schweinefleisch. Der Preis für ein Kilogramm herkömmliches Schweinefleisch liegt bei etwa 1,90 (1,66 Euro plus 20 Cent Zuschlag für Qualität). Meist ein schlechtes Geschäft für die Bauern: 1,90 Euro braucht der Bauer allein, um das Ferkel und sein Futter zu bezahlen. Für Arbeitsstunden, Stall, Investitionen bleibt da nichts mehr übrig. „In den letzten 20 Jahren haben die Bauern auf jeden Fall kaum Gewinne gemacht", fasst Schlederer zusammen und blickt mit gemischten Gefühlen in die Zukunft: „In zehn Jahren wird es wohl nur noch die Hälfte an Schweinebauern geben."