Letztes Update am Fr, 09.06.2017 04:27

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tirol

Kuh-Angriffe: Das Zittern geht weiter

Die Verunsicherung war vorher schon groß, doch die jüngste Kuhattacke konfrontiert Tirols Almbauern erneut mit einer Frage: Wie können Unfälle verhindert werden?

Die Idylle ist trügerisch. Bei weidenden Kühen ist Vorsicht geboten.

© TT/Thomas BöhmDie Idylle ist trügerisch. Bei weidenden Kühen ist Vorsicht geboten.



Von Irene Rapp und Nikolaus Paumgartten

Innsbruck, Erl – Der Schock in Erl und auf der Kranzhorn- alm sitzt tief. Am Donnerstag zeigte sich Erls Bürgermeister Georg Aicher-Hechenberger bei einem Lokalaugenschein betroffen von dem Unglück, bei dem am Mittwoch eine Frau von einer Kuhherde getötet worden war: „Es ist ein unglaublich tragisches Ereignis, wenn so etwas passiert.“

Auf dem Weg zur Alm seien Hinweistafeln angebracht gewesen, gestern hätte man zusätzliche Schilder aufgehängt. Diese weisen auf Almvieh hin, sind seit Neuestem auch mit in Englisch verfassten Warnungen versehen und werden seit dem Vorfall im Pinnistal von den Tiroler Almbauern sehr nachgefragt. „Wir haben eine lange Warteliste“, weiß Josef Lanzinger vom Tiroler Almwirtschaftsverein.

Nach dem Unglück im Jahr 2014, bei dem im Pinnistal eine Frau von Kühen getötet worden war, gab es auch jede Menge Kampagnen, mit denen auf das richtige Verhalten im Almgebiet hingewiesen wurde. Etwas, „was man jetzt noch intensiver tun muss“, fordert Bürgermeister Aicher-Hechenberger.

Landwirtschaftskammer und Tirol Werbung sollten diesbezüglich an einem Strang ziehen. Denn: „Kuh und Hund sind nicht kompatibel. Und es gibt immer noch sehr viele aus dem urbanen Raum, die das einfach noch nicht wissen“, glaubt der Bürgermeister.

Eine Einschätzung, die von Hannes Partl, Bezirksobmann der Landwirtschaftskammer Schwaz, bestätigt wird. Gemeinsam mit acht Almbauern hat er derzeit 228 Milchkühe in der Engalm im Karwendel. Ein Ort, der von Tirolern wie Touristen gleichermaßen gern und häufig aufgesucht wird. „Kühe interessieren sich nicht für Wanderer und Bergsteiger, sie interessieren sich aber für einen Hund. Viele kennen das Problem, viele sind allerdings auch unwissend.“ Die Engalm-Bauern hätten daher viele Koppeln abgezäunt, und natürlich viele Schilder angebracht.

Partl weiß aber auch von Landwirten, die bereits überlegen, auf den Almen mehr Koppeln für das Vieh abzuzäunen. „Das hätte auch den Vorteil, eine gewisse Weideführung zu machen, ist allerdings nicht überall möglich.“

Generell seien die Bauern verunsichert und der jüngste Vorfall zu Beginn der heurigen Almsaison mache das Ganze noch schlimmer. „Am Stammtisch hört man sogar Aussagen wie jene, dass man am liebsten die Almen absperren würde“, sagt Partl.

Am Donnerstag wurde auch schon über eigene Wege für Wanderer mit Hunden sowie ein mögliches Hundeverbot auf Almen diskutiert. Lanzinger sieht allerdings noch ein weiteres Problem, mit dem die Landwirtschaft konfrontiert ist: „Der Andrang von immer mehr Erholungssuchenden schafft neue Probleme.“

So müssten die Almbauern angesichts wahrer Heerscharen von Wanderern und Bergsteigern, Mountain- sowie E-Bikern häufiger Kontrollgänge zu den Tieren machen oder überprüfen, ob Gatter geschlossen sind. „Und am Wochenende braucht man z. B. auf der Alm mit einem Fahrzeug gar nicht mehr den Mist ausbringen, weil so viele Leute unterwegs sind.“

Zurück zu den Kühen: 2014 hatte die tödliche Kuhattacke im Pinnistal für Schlagzeilen über die Landesgrenzen hinaus gesorgt. Und auch der Vorfall in Erl blieb bei den deutschen Medien nicht unbemerkt. Einen Schaden für das Tourismusland Tirol und den Sommertourismus sieht man bei der Tirol Werbung dennoch nicht. „Dieser Kuhangriff ist besonders tragisch. Unser Mitgefühl gilt der Familie und Freunden des Opfers“, sagt Josef Margreiter, Chef der Tirol Werbung.

Schwere Unfälle mit Weidevieh würden aber angesichts der großen Zahl an Almtieren und Erholungssuchenden, die im Sommer auf Tirols Bergen unterwegs sind, zum Glück die große Ausnahme bilden.

Nach dem Unglück in Erl sind übrigens noch zwei weitere Unfälle mit Tieren bekannt geworden. In Polling wurde ebenfalls am Mittwoch eine 76-jährige Landwirtin im Stall von einem Jungrind niedergestoßen und unbestimmten Grades verletzt.

Bereits am Dienstag musste ein Jäger in Biberwier einen wild gewordenen Ochsen erschießen. Das Tier hatte zunächst einen 69-jährigen Bauern am Arm verletzt, als dieser den Ochsen auf die Weide führen wollte. Anschließend griff es eine weitere Person an.

Interview: Den Zugang mit Hund beschränken?

Fünf Fragen an Hans Gföller, Leiter des Fachbereiches Recht in der Landwirtschaftskammer:

1Die Wegefreiheit ist ein häufig genannter Begriff. Doch wo ist diese wirklich der Fall? Auf Wiesen und Feldern im Tal gibt es kein freies Betretungsrecht. Mit Ausnahme, wenn Personen Geh- oder Fahrrechte ersessen haben. Im Wald darf man sich frei bewegen, allerdings nicht Rad fahren. Und im Bereich des Ödlandes, also oberhalb der Waldgrenze, gibt es in Tirol im Unterschied zu anderen Bundesländern kein eigenes Gesetz, wo ein Betretungsrecht explizit eingeräumt wird. Hier kann man sich mit dem Gewohnheitsrecht behelfen – d. h. die Gesellschaft sagt, dieses Recht findet bei uns breite Zustimmung und wurde schon über einen längeren Zeitraum ausgeübt. Das trifft auf Wandern und Bergsteigen wohl zu.

2Was ist mit den Radfahrern auf Almen? Beim Mountain- und E-Biken, Freeriden und Tourengehen handelt es sich eigentlich um jüngere Sportarten. Hier muss sich das Gewohnheitsrecht erst noch durchsetzen.

3Stichwort Radfahren im Wald... Radfahren im Wald ist nur dort erlaubt, wo explizit Mountainbikestrecken ausgewiesen worden sind. Bei einem Unfall auf diesen Strecken greift die Haftpflichtversicherung des Landes Tirol. Das Fahren auf nicht freigegebenen Strecken ist eine Übertretung nach dem Forstgesetz, daher empfehlen wir, nur freigegebene Strecken zu benützen.

4Könnte ein Bauer sagen, er sperrt jetzt seine Almflächen für Erholungssuchende ab, um Zwischenfälle zu vermeiden? Das Absperren wäre wohl schon aufgrund der Infrastruktur vieler Almen nicht so einfach möglich. Schließlich muss gewährleistet sein, dass das Vieh z. B. an die Wasserstellen herankommt. Nach dem jetzigen Vorfall wird aber möglicherweise zu diskutieren sein, ob der Zugang mit Hunden beschränkt werden soll.

5Wie sieht die aktuelle Judikatur in Sachen Abzäunung auf Almflächen aus? Der Oberste Gerichtshof sagt, dass Almflächen grundsätzlich nicht abgezäunt werden müssen und hat bislang ausgesprochen, dass der Hinweis auf Weidevieh mittels Schildern genügt.

Das Interview führte Irene Rapp­