Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 02.07.2017


Katholische Kirche

Papst Franziskus räumt auf im Vatikan

Nächster Paukenschlag: Nach der Beurlaubung von George Pell trennt sich der Papst nun vom obersten Glaubenshüter.

Der deutsche Kardinal Ludwig Müller.

© AFPDer deutsche Kardinal Ludwig Müller.



Rom – Auf die Quertreiber und konservativen Widersacher im Vatikan kommen stürmischere Zeiten zu. Nur zwei Tage nach der vorübergehenden Beurlaubung seines „Wirtschaftsministers“, Kardinal George Pell, hat sich Papst Franziskus von einem noch wichtigeren führenden Mitarbeiter im Vatikan getrennt. Kardinal Gerhard Ludwig Müller (69), oberster Glaubenshüter der römisch-katholischen Kirche, muss nach fünf Jahren an der Spitze der Glaubenskongregation sein Amt niederlegen. Und zwar für immer. Der Papst gewährt ihm keine zweite fünfjährige Amtszeit.

Um die Kirche vor so genannten Irrlehren zu schützen, gründete Papst Paul III. 1542 die „Congregatio Romanae et universalis Inquisitionis“. Die „Kongregation für die Glaubenslehre“, so seit 1965 der offizielle Name der wichtigsten Vatikan-Behörde, ist die Nachfolgerin der heiligen Inquisition, die in früheren Jahrhunderten für die Reinheit des Glaubens mit Gewalt gegen Andersgläubige und Kirchenkritiker vorging.

Der Nachfolger für Müller steht bereits fest. Der aus Spanien stammende Kurienerzbischof Luis Francisco Ladaria Ferrer übernimmt das Amt. Ladaria Ferrer gehört wie Franziskus dem Jesuitenorden an.

Die Nachricht aus Rom hat im Vatikan die Ausmaße eines schweren Erdbebens erreicht. Für Kenner der vatikanischen Verhältnisse war schon lange bekannt, dass der Papst mit dem konservativen deutschen Kardinal nicht konnte.

Wenn Kardinal Müller den Papst darauf hinwies, dass bestimmte, einseitige Ausdeutungen der katholischen Theologie gegen das Lehramt verstoßten, ermunterte Franziskus ihn, doch einen Artikel in der Vatikanzeitung Osservatore Romano zu schreiben. Das war ein Affront für Müller, der in der Nachfolge seines Lehrmeisters Joseph Ratzinger meinte, er könne und solle weiterhin verbindlich entscheiden, wo die Grenze zwischen katholisch und nicht mehr katholisch verläuft.

Ganz schwierig wurde das Miteinander nach den strittigen Bischofssynoden zum Thema Familie und dem daraus entwickelten Papstschreiben „Amoris laetitia“. Mit ihm eröffnete der Papst Katholiken in zweiter Ehe unter bestimmten Voraussetzungen den Zugang zu den Sakramenten. Müller warnte vor diesen viel zu liberalen Öffnungen.

Als vier konservative Kardinäle – darunter die Deutschen Joachim Meisner und Walter Brandmüller – dem Papst ihre „dubia“ (Zweifel) an der moraltheologischen Innovation veröffentlichten, machte Müller deutlich, dass er diese Kritik inhaltlich für legitim hielt.

Dass es zwischen dem Papst und dem deutschen Glaubenshüter zum Eklat kommen würde, zeichnete sich schließlich vor einigen Monaten ab. Damals wurde im Vatikan bekannt, dass der Papst drei Mitarbeiter Müllers fristlos entlassen hatte. Ihre einzige Schuld habe darin bestanden, dass sie den kirchenpolitischen Kurs des Papstes kritisierten. Müller verwahrte sich im Mai in einem Interview des konservativen katholischen Fernsehsenders gegen dieses Vorgehen. Spätestens an diesem Punkt war das Zerwürfnis nicht mehr zu übersehen.

Der deutsche Theologe Wolfgang Beinert sprach von einer „Strafe“. „Das ist eine Entlassung ins Nichts“, sagte der ehemalige Hochschulprofessor am Samstag zu den Vorgängen in Rom.

Müller selbst reagierte überrascht. „Differenzen zwischen mir und Papst Franziskus gab es nicht“, sagte er der Mainzer Allgemeinen Zeitung.

Müller will auch künftig in Rom bleiben: „Ich bleibe Kardinal, werde wissenschaftlich arbeiten, ich habe genug zu tun.“

Der Kirchenfürst, der aus Mainz-Finthen stammt, hält sich derzeit in seiner Heimatstadt auf, weil er dort mit früheren Klassenkameraden dieses Wochenende sein 50-Jahr-Maturajubiläum feiert.

Für die Kirchenvolksbewegung „Wir sind Kirche“ bedeutet ein Wechsel in der Glaubenskongregation im Vatikan „die wertvolle Möglichkeit einer Neuorientierung“. (TT)