Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 06.07.2017


Bezirk Reutte

Oberstufe Relikt aus alter Zeit

Pädagogisches Auslaufmodell: Inspektorin Müller erklärt den Standpunkt des Landes, der zur Auflassung der VS Lechleiten führt.



Von Helmut Mittermayr

Reutte – Die Außerferner Pflichtschulinspektorin Edith Müller hat in enger Abstimmung mit Landesrätin Beate Palfrader die Aufgabe übernommen, die pädagogischen Hintergründe für die Auflösung der Volksschule Lechleiten zu erläutern. Das Ende der achtjährigen Volksschule mit Oberstufe empört Lechleitner Eltern ebenso wie die Steeger Gemeinderäte und Bürgermeister Günther Walch (die TT berichtete).

„Das Schulsystem ist in einer Zeit entstanden, die es heute nicht mehr gibt.“ Edith Müller zitiert den deutschen Philosophen Richard David Precht. Schüler und Schülerinnen müssten auf eine Zukunft vorbereitet werden, von der niemand wisse, was wirklich komme. Umso mehr gelte es daher, Kompetenzen für lebenslanges Lernen aufzubauen, die lange tragen würden. „Die Volksschuloberstufe – Lechleiten mit zwei Schülern ist die letzte in Österreich – kann das nicht mehr erfüllen. Völlig losgelöst vom Engagement des Lehrers, das nie in Frage gestellt wurde.“ Die Rahmenbedingungen würden nicht mehr passen. Ein einst bewährter Schultyp für abgeschiedene ländliche Regionen wurde von der Hauptschule abgelöst – und das schon in den 1920er-Jahren. Müller: „Schule ist längst nicht mehr die Reduktion auf Lesen, Schreiben und Rechnen. Ganz andere Fähigkeiten müssen geschult werden.“

Mit der Einführung der Neuen Mittelschule 2012 läuft der Hauptschullehrplan aus. VS-Oberstufenabsolventen könnten dann aufgrund der Orientierung am NMS-Lehrplan nur noch mit der Bestnote 3 beurteilt werden, sagt Müller. Eine Belastung, wenn jemand in eine weiterführende Schule gehen möchte. „Auch die neue Lehrerausbildung hat Auswirkungen. Mit der Ausbildungsreform müssen alle Pädagogen akademische Abschlüsse in ihren jeweiligen Fachgebieten vorweisen, der Allgemeinpädagoge für alle Fächer auf der Sekundarstufe ist Geschichte“, erklärt Müller weiter. Neue Mittelschulen wie die NMS Lechtal können leistungsorientierte Angebote machen: Cambridge-Zertifikate oder den Europäischen Computerführerschein – dies und vieles mehr ist bei zwei Schülern nicht möglich.

„Eine Klasse, vier Mitschüler, acht Jahre lang. Das ist ein einengendes Umfeld für vielfältige Impulse und Entwicklungen. Diversität fehlt, es braucht wechselnde Pädagogen, mehr Mitschüler“, ist Müller überzeugt. Vieles sei einfach nicht möglich, wenn nur ein Kind eine Schulstufe repräsentiere. Gleichaltrige, pro Schulstufe mindestens drei bis vier, seien gute Voraussetzungen – auch in Kleinschulen. Seit der Hattie-Studie gibt es dazu mehr Klarheit, welche Faktoren fürs Lernen wirksam sind. In Klassen unter 15 Schülern und Schülerinnen seien Schwerpunktsetzungen – wie etwa früher die Musikvolksschule Lähn – nicht durchführbar.

Ganz abgesehen davon ist laut Müller ein Schulweg von zehn Kilometern für die Lechleitner und Gehrener Volksschulkinder nach Steeg zumutbar. Die Lechleitner Kindergartenkinder werden jeden Tag 13 Kilometer nach Schröcken gebracht, da auch die Nachbargemeinde Warth ausgestorben ist. Hier schreie niemand auf. Müller wirbt für notwendige Veränderungen.