Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 08.07.2017


Exklusiv

„Rettung kein Wunschkonzert“

Wer im Gebirge in eine Notlage gerät, hat nicht automatisch einen Anspruch auf eine Hubschrauberbergung. Die Gratisbergung durch die Polizei steht auf dem Prüfstand.

Erschöpfte Wanderer werden derzeit noch kostenlos von der Polizei ins Tal geflogen.

© DomanigErschöpfte Wanderer werden derzeit noch kostenlos von der Polizei ins Tal geflogen.



Von Nikolaus Paumgartten

Absam – Sechsmal innerhalb von drei Jahren geriet ein Bergsteiger im Karwendel in Bergnot. Zuletzt musste die Bergrettung Hall, wie berichtet, Mitte Juni ausrücken, um dem 68-Jährigen am Lafatscher Joch zu Hilfe zu kommen. Schmerzen im Knie und Erschöpfung hatte der Mann bei seinem Notruf zu Protokoll gegeben und eine Rettung per Hubschrauber gefordert. Nicht geflogen, sondern von den Bergrettern ins Tal begleitet wurde der Alpinist schließlich. Die Einsatzkräfte hatten ihn unverletzt angetroffen.

„Die Rettung am Berg ist kein Wunschkonzert. Man kann sich die Bergungsart nicht aussuchen“, sagt Bergretter Peter Veider.
„Die Rettung am Berg ist kein Wunschkonzert. Man kann sich die Bergungsart nicht aussuchen“, sagt Bergretter Peter Veider.
- Vanessa Weingartner / TT

„Die Rettung am Berg ist kein Wunschkonzert. Der Notarzthubschrauber kommt nur zum Einsatz, wenn dieser auch tatsächlich benötigt wird. Man kann sich die Art der Bergung nicht aussuchen“, macht Peter Veider klar. Der Geschäftsführer der Tiroler Bergrettung weiß aus der täglichen Praxis ein Lied davon zu singen, dass sich immer wieder unverletzte, aber erschöpfte Bergsteiger aus einer misslichen Lage retten lassen müssen. Nicht selten haben sich die Betroffenen allerdings selbst dorthin manövriert. Denn bei einer gewissenhaften Vorbereitung der Tour müssten eigentlich Schwierigkeitsgrad und Wetter – ob nun Hitze oder Gewitter – einkalkuliert werden. Mit dem Wissen um das hervorragende Rettungsnetz hierzulande sinke allerdings oft auch die Eigenverantwortung. „Wenn du in Norwegen oder Peru nicht mehr weiterkommst, dann hilft dir niemand“, sagt Veider. „Die Gefahr, dass dieses Rettungsnetz missbräuchlich verwendet wird, ist jedenfalls gegeben.“

Dieser Art der Vollkasko-Mentalität wollte das Innenministerium eigentlich einen Riegel vorschieben. Derzeit ist die Bergung von Menschen im Gebirge nämlich so geregelt, dass erschöpfte oder verstiegene unverletzte Wanderer mit dem Helikopter der Polizei kostenlos ins Tal geflogen werden, während Einsätze mit dem Rettungshubschrauber entweder von einer Versicherung abgedeckt sind oder aber selbst bezahlt werden müssen. Bis zu 300-mal steigt in Österreich durchschnittlich ein Heli des Innenministeriums auf, um verirrte oder müde Personen ins Tal zu fliegen. Angesichts der Kosten von 2500 Euro pro Flugstunde ein nicht unwesentlicher Budgetposten. Im vergangenen Herbst hatte das Innenministerium daher eine Diskussion darüber angekündigt, die Geborgenen in solchen Fällen künftig zur Kassa zu bitten – die Gratisbergung durch die Polizei sollte der Vergangenheit angehören. Die politische Debatte in der Causa ist allerdings nicht recht in Fahrt gekommen. Eine Entscheidung noch vor den Wahlen im Herbst gilt als unwahrscheinlich.