Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 20.08.2017


Innsbruck

„Für den Notfall haben wir 300 Sandsäcke in der Garage“

Steigende Pegel der Sill bereiteten einem Anrainer nachts Sorge. Er sah sich und seine Nachbarn in Gefahr. Doch er fühlte sich mit seinen Ängsten alleingelassen.

Gerüstet für das Hochwasser: Walter Markl mit Sandsäcken im Keller seiner Wohnanlage.

© HammerleGerüstet für das Hochwasser: Walter Markl mit Sandsäcken im Keller seiner Wohnanlage.



Von Kathrin Siller

Innsbruck – Es war die Nacht vom 11. auf den 12. August. Walter Markl beobachtete mit Sorge die vor seiner Wohnung im Erdgeschoß vorbeifließende Sill und die Pegelstände im Internet. Der Pensionist hatte vor einigen Jahren gemeinsam mit der Berufsfeuerwehr Innsbruck einen Alarmplan für seine Wohnanlage ausgearbeitet, übrigens der einzige Alarmplan dieser Art in Tirol. „Wir lagern seither 300 Sandsäcke und Holzplatten in der Garage.“ Der stellvertretende Branddirektor Martin Gegenhuber schätzt die Eigenschutzmaßnahmen: „Es ist angenehm, wenn wir im Haus einen Ansprechpartner haben.“

Gegen ein Uhr Früh überschritt der Pegelstand der Sill an der Messstelle Innsbruck-Reichenau die HW5-Marke. Es ist jene Schwelle, bei der sich die Landeswarnzentrale normalerweise mit Berufsfeuerwehr, Stadtmagistrat, aber auch Hausverantwortlichen wie Walter Markl kurzschließt, um mögliche Präventivmaßnahmen zu besprechen.

Ausuferungen seien bei diesem Wasserstand allerdings anfangs nicht zu erwarten. Trotzdem könne es in Tirol von einer Meldemarkenüberschreitung bis zu einer Ausuferung schnell gehen, sagt Stefan Thaler von der Landeswarnzentrale.

In dieser Nacht seien die Sorgen jedoch unbegründet gewesen: „Der Anstieg wurde beobachtet und meteorologisch bewertet. Aufgrund der nachlassenden Niederschläge und überliegenden Messstände, welche die Hochwasserwelle bereits passiert hatte, wurde nach Abstimmung mit Experten keine Alarmweitermeldung veranlasst“, berichtet Thaler.

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Deshalb wurde auch Innsbrucks Sicherheitsbeauftragter Elmar Rizzoli, der normalerweise bei einer HW5-Überschreitung als einer der Ersten informiert würde, nicht kontaktiert: „Für mich völlig gerechtfertigt. Es war absehbar, dass die Pegel sinken. Da braucht man doch nicht um ein Uhr Früh eine ganze Hausgemeinschaft aufscheuchen.“

Für Walter Markl hingegen stellte sich die Situation anders dar. Bereits kurz vor 23 Uhr hatte er bei der Berufsfeuerwehr angerufen, wurde aber zur Leitstelle umgeleitet. „Der Mitarbeiter konnte mir überhaupt keine Auskunft geben“, regt sich Markl auf. Leitstellen-Geschäftsführer Bernd Noggler verteidigt das Gespräch: „Die Aufgabe unserer Mitarbeiter ist es, das Notruf-Abfrage-Protokoll richtig abarbeiten zu können und Hilfsmaßnahmen einzuleiten. Fachauskunft gibt es bei uns natürlich keine.“ Markl sieht das anders: „Wenn ein besorgter Bürger anruft, sollte er zumindest erfahren, an wen er sich wenden kann.“

Denn auch wenn die Experten sinkende Pegel errechneten, Markl traut den Messungen nur bedingt. „Wenn sich irgendwo ein Baumstamm verklaust, dann stimmen die Modelle nicht mehr. Zum Glück ist in der Nacht auf den 12. August alles gut ausgegangen.“

Inzwischen sei ein Treffen mit den Zuständigen geplant. Man wolle den Alarmplan überarbeiten. In dem konkreten Fall habe es sicher Kommunikationsprobleme gegeben, räumen die Verantwortlichen ein. Für Markl steht fest: „Die Kette, wer wie wann informiert wird, ist eindeutig zu lange.“

Was passiert im Hochwasser-Ernstfall?

Überschreiten die Pegel von Inn oder Sill die HW5-Marke (HW steht für Hochwasser; die höchste Stufe ist HW100 für hundertjährliches Hochwasser) und die Situation wird etwa aufgrund anhaltenden Regens als prekär eingestuft, informiert die Landeswarnzentrale Berufsfeuerwehr, Stadtmagistrat, Klinik, Uni etc. Es werden Präventivmaßnahmen eingeleitet.

Zivilschutzsignale (Sirene) werden erst nach Aufforderung z. B. durch den Bürgermeister aktiviert, wenn Menschen in Gefahr sind. Auf Radio Tirol werden „szenarienabhängige" Durchsagen gesendet (z. B. zuletzt 2015 bei Flut im Sellrain).

Pegelstände werden auf https:/apps.tirol.gv.at/hydro aktualisiert. Auskünfte gibt die Landeswarnzentrale (Tel.: 0512/508/2270) oder die Feuerwehren. Die Leitstelle ist nur im Notfall Ansprechpartner.

Die Hochwassergefahr steigt im Sommer aufgrund der Gewitter. Weiters sorgt die Klimaerwärmung dafür, dass die 0-Grad-Grenze steigt und mehr Schnee schmilzt.

Ein Sill-Hochwasser in Innsbruck ist unwahrscheinlich. Am Inn hat man im Ernstfall noch mehr Vorlaufzeit als bei der Sill. Überflutungen sind leichter zu prognostizieren als etwa Muren.