Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 17.10.2017


Bezirk Reutte

Die Eremitin von Ehrwald lebt in einem kleinen Zelt

Eine Ehrwalderin lebt seit Jahren in einem nur drei Quadratmeter großen Zelt oberhalb des Ortes. Die Eremitin verzichtet freiwillig auf viele Annehmlichkeiten der Moderne. Nur im Winter weicht sie der Kälte.

© Mittermayr HelmutDie Frau lebt seit Jahren als Eremitin in einem Zelt in Ehrwald.



Von Helmut Mittermayr

Ehrwald – Das Zelt ist sogar auf Google Maps in den Wiesen unterhalb der Ehrwalder Wetterstein-Lifte zu finden. Spaziergänger können meist kaum für wirklich halten, was sie dort zu sehen bekommen. So mancher glaubt sich gar zum Stellvertreter der Obrigkeit berufen. „Wildes Campieren ist hier verboten!“, gab ein deutscher Gast kürzlich von sich und zottelte schnell wieder von dannen, als die Zeltbewohnerin ihn in freundlichem Ton wissen ließ, dass dies ihr Grund und Boden sei und sie dort tun und lassen könne, was sie wolle. Die 68-jährige Einheimische lebt hier wie eine Eremitin auf gerade einmal drei Quadratmetern – und das seit Jahren. Nur im Winter streicht sie das Segel. „Von Ende März, manchmal auch Anfang Mai bis Ende Oktober lebe ich hier“, erklärt sie im Interview. In den Wintermonaten sei sie unterwegs. Wo genau, lässt sie offen. „Ich finde schon immer ein Plätzchen. Am liebsten wäre mir ja überhaupt Spanien. Aber dort würde ich die Ausgleichszulage zu meiner schon spärlichen Pension von 700 Euro verlieren.“ Also bleibt sie in Österreich, manchmal im Burgenland bei Bekannten. Aber die Leute bräuchten sowieso nicht genau zu wissen, wo sie im Winter eine Herberge finde.

Kein Klo, kein Bad, kein Strom, kein Gas, kein Licht, kein Ofen, kein TV, kein Herd, kein Bett, kein Aufstehenkönnen – das Leben in dem kleinen Zuhause aus Plastik ist mühsam. Der Ehrwalderin macht das nichts aus. Meistens zumindest. Sicherlich, die tägliche Toilette sei beschwerlich. Mit Feuchttüchern überbrückt sie die Zeiten, bis sich irgendwo einmal eine Dusche ausgeht. „Schon das Zähneputzen ist sehr zeitraubend. Ich brauche viel Wasser und Küchenrollen.“ Über noch intimere Angelegenheiten möchte sie nicht sprechen. „Aber alles ist sauber geregelt, wie es sich gehört. Nichts ist hier am Feld.“

Ein Oktobervormittag, 10 Uhr: Die 68-Jährige ist noch dick eingepackt. Die Kälte steckt ihr beim Frühstück, das ebenfalls nur Außentemperatur hat, noch in den Gliedern.
- Mittermayr Helmut

Die Frau strahlt eine ansteckende Fröhlichkeit aus und lacht viel. „Ja, ich bin nicht unglücklich, zufrieden mit dem Leben.“ Unter anderem, weil sie tief gläubig sei. „Aus der Kirche bin ich ausgetreten. Aber ich bin sehr gläubig im christlichen Sinne. Das trifft es.“ Die Seniorin empfiehlt den TT-Lesern das Gedicht „Kraft zum Leben“ von Paulo Coelho. Allein die ersten Zeilen scheinen vom brasilianischen Erzähler wie für die Ehrwalderin ersonnen zu sein: „Ich danke allen, die meine Träume belächelt haben. Sie haben meine Phantasie beflügelt. Ich danke allen, die mich in ein Schema pressen wollten. Sie haben mich den Wert der Freiheit gelehrt [...].“ Das Gedicht schließt: „Vor allem aber danke ich allen, die mich lieben, so wie ich bin. Sie geben mir die Kraft zum Leben.“

Der lange Feldstreifen ist nicht nur ihre Heimat für viele Monate, er ist auch Zuhause für 22 Kräuterarten. Sie erntet vieles, macht Tee daraus. Für M. S., das genüge als Hinweis, sind Brennnesseln nichts zum Ausweichen, vielmehr ein Geschenk der Natur. Sie weiß längst, wie man sie mit bloßen Händen erntet, ohne sich dabei groß zu vernesseln. Ihr geht es gut, denn gegen jede Krankheit sei ein Kraut gewachsen. Wie das Labkraut, das Innereien reinige. Die Ehrwalderin schwört auf Maria Trebens Buch Gesundheit aus der Apotheke Gottes. „Nein, bitte nicht Kräuter­hexe. Sagen Sie meinetwegen Kräuterfrau zu mir.“

Mehrere Verwerfungen in ihrem Leben haben sie dorthin gebracht, wo sie jetzt wohnt. Haus versteigert, Stadel abgetragen, Gemeindewohnung verlassen – der Weg ins Zelt am Fuß der Zugspitze war kein gerader. Auch Nachkommen gibt es, der Kontakt ist spärlich, der Stolz auf sie trotzdem groß. Eine Metallphobie peinigt die Frau. Sie versucht, alles Metallische aus ihrer Nähe zu bekommen, dem Material auszuweichen, das ihr Stiche in die Haut versetzt. Auch weil es Sender sein könnten, um ihre selbstgewählte Einsamkeit zu stören.

Wobei – einsam sei sie nicht, die Tage würden geradezu verfliegen. Manchmal bekommt sie auch Besuch. Spaziergänger fragen, wie es ihr geht; sind verwundert, dass sie nur kaltes Essen im Zelt hat. „Zwei Frauen aus dem ehemaligen Jugoslawien konnten es vor ein paar Tagen gar nicht glauben, sind nach Hause und haben mir einen riesigen Topf mit heißem Eintopf gebracht. War das gut“, dankt sie ihnen noch einmal. Auch Decken und Pullover gegen die Kälte habe sie geschenkt bekommen.

„Auf meinem Feld wollte ich eigentlich eine Art Selbstversorgerstadel errichten, aber das war im Grünland nicht möglich.“ Wie lange dieser Wunsch zurückliegt, kann sie nicht genau sagen. Vieles fließt ineinander. Vielleicht geht dieser Tage die jahrelange Einsiedelei sowieso zu Ende. „I mecht numa dobleiba. Es isch mir zu viel.“ Und wohin will sie gehen? „Ich habe keine Ziele, irgendwo, wo’s mir gefällt, werde ich schon unterkommen.“




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