Letztes Update am Mo, 23.10.2017 11:51

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Deutschland

Nicht Hund, nicht Wolf: Mischlinge sorgen in Deutschland für Streit

Die Jungen zu töten stehe ebenso zur Debatte, wie sie zu kastrieren und wieder auszuwildern. Die Tiere sollen laut Umweltminister jedenfalls aus der Natur verschwinden.

Die Jungtiere tappten in eine Fotofalle und wurden zweifelsfrei als Mischlinge identifiziert.

© BundesforsteDie Jungtiere tappten in eine Fotofalle und wurden zweifelsfrei als Mischlinge identifiziert.



Von Marie Frech, dpa

Erfurt – Jäger bekommen Morddrohungen, Tausende Menschen unterschreiben eine Petition. In den Medien, im Landtag, auf der Arbeit und unter Freunden wird teils mit aggressivem Unterton diskutiert. Was ist da los in im deutschen Freistaat Thüringen? Sechs junge Vierbeiner – halb Wolf, halb Hund – sorgen für Streit. Sie sind gerade einmal fünf Monate alt. Trotzdem wird schon über ihren Tod diskutiert.

Eine Wölfin hatte im ersten ausgewiesenen Wolfsgebiet Thüringens rund um den Bundeswehrübungsplatz Ohrdruf Nachwuchs bekommen. Auf Aufnahmen von Fotofallen waren die Jungen nach Angaben des Thüringer Umweltministeriums zweifelsfrei als Mischlinge identifiziert worden. Weil ihr Vater kein Wolf, sondern ein Haushund sein soll, werden die sechs Jungtiere nun zu einem Problem für den Artenschutz – und angeblich auch für den Menschen. Deshalb stehen sie nun potenziell auf der Abschussliste.

Wolf, Wolfhunde und Mischlinge: Die Gene machen den Unterschied

Erfurt – Niemand verwechselt einen Mops mit einem Wolf. Dabei sind Haushunde direkte Nachfahren des Wolfs. An manchen Hunderassen lässt sich das deutlich erkennen. Ähnlichkeiten zwischen den Spezies führen häufig zu Diskussionen, wenn bei Nutztierrissen nur Fotobeweise belegen sollen, dass ein Wolf am Werk war.

An diesem Nachweis entscheidet sich in vielen Fällen, ob ein Schäfer für gerissene Tiere entschädigt wird. Optisch unterscheiden sich erwachsene Wölfe etwa durch helle Schnauzenbereiche und kleine dreieckige Ohren von vielen Hunderassen. Bei den Wildtieren hängt fast immer der Schwanz herab. Eindeutige Auskunft bringt aber nur ein Gentest. Auch Pfotenabdrücke können selbst Experten trügen.

Wenn sich Wölfe und Hunde paaren, spricht man beim Nachwuchs von Mischlingen oder Hybriden, weil die Eltern aus unterschiedlichen Spezies stammen. Wolfhunde sind dagegen eine Rasse, die aus einer Vermischung von Hunden und Wölfen gezielt gezüchtet wurde, um Hunde mit dem Aussehen eines Wolfes zu erhalten. Mit Wolfshund wiederum bezeichnet man Hunderassen, die ursprünglich für die Wolfsjagd gezüchtet wurden.

(APA/dpa)

Hundegene gefährden Wolfspopulation

Wölfe breiten sich seit dem Jahr 2000 wieder in Deutschland aus. Laut Naturschutzbund Nabu gibt es in Deutschland vermutlich 61 Rudel mit jeweils sieben bis zehn Tieren und neun Paare in Deutschland. Sie kommen hauptsächlich in Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen vor. Wölfe stehen unter strengem Schutz. Dass sie sich mit Hunden paaren, ist extrem selten.

Tun sie es aber einmal doch, gefährdet die Vermischung der Wolf-und Hundegene nach Expertensicht aber die Wolfspopulation. Deshalb empfahl das bundeseigene Dokumentations- und Beratungszentrum zum Wolf (DBBW) dem Thüringer Umweltministerium ein schnelles Töten der Jungtiere, denen der Labrador-Vater durch das schwarze Fell auch anzusehen sein soll.

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Schicksal der Jungtiere sorgt für Diskussionen

Der Aufschrei war groß. Weit über 10.000 Unterschriften haben Abschussgegner inzwischen mit einer Online-Petition gesammelt. Jäger aus der Ohrdrufer Umgebung berichten im Zusammenhang mit dem Fall über anonyme Morddrohungen gegen sie im Internet. Dabei ist der Abschuss noch keine beschlossene Sache – und schon gar nicht, ob dann Jäger diese Aufgabe übernehmen müssen.

Nach Auffassung des Umweltministeriums müssten die Jungtiere nicht zwangsläufig getötet werden. Sie sollten aber auf alle Fälle „entnommen“ werden, also aus der Natur verschwinden.

Doch selbst Naturschützer halten Alternativen zu einem Abschuss für problematisch. „Einen Freilicht-Zoo mit Hybriden wollen wir nicht“, sagt Silvester Tamas, Sprecher der Landesarbeitsgruppe Wolf beim Nabu Thüringen. Der Naturschutzbund stelle sich hinter die Experten des DBBW. Es gehe dem Verband um Artenschutz und die Akzeptanz des Wolfs in Deutschland. Die Tiere einzufangen und in einem Gehege zu halten, sei keine tierschutzgerechte Alternative.

(Symbolfoto)
(Symbolfoto)
- dpa

Abschuss widerspricht Tierschutzrecht

Tierrechtler halten das Argument des Artenschutzes insgesamt für vorgeschoben. Ein Abschuss sei nicht mit dem Tierschutzrecht zu vereinbaren, heißt es bei der Tierrechtsorganisation Peta. Die von der Organisation und Abschussgegnern vorgeschlagene Option, die Tiere zu sterilisieren und wieder freizulassen, löst aber ein weiteres Grundproblem nicht.

„Niemand weiß so recht, wie sich die Mischlinge im Bezug auf Menschen verhalten werden – vor allem nicht nach einer Kastration oder Sterilisation“, berichtet der Sprecher des Thüringer Umweltministeriums, Tom Wetzling. Durch das Haushund-Gen könnten sie die Scheu vor Menschen verlieren. Dennoch blieben sie potenziell gefährliche Wildtiere.

Einig sind sich alle Seiten bei einem Punkt: Der Mensch habe die Hybriden erst möglich gemacht. „Wegen Zerschneidung der Landschaft durch Siedlungen und Autobahnen kann es anderen Wölfen schwerfallen, nach Ohrdruf zu kommen“, betont Nabu-Wolfsexperte Tamas. Aber auch den Hundebesitzern an Ort und Stelle werden Vorwürfe gemacht. Sie sollten ihre Vierbeiner besser kontrollieren, dürften sie im Wald nicht frei laufen lassen, monieren auch Jäger.

Über das Schicksal der Mischlinge muss letztlich die höchste Thüringer Naturschutzbehörde entscheiden. Das Landesverwaltungsamt muss nämlich das OK für einen wie auch immer gearteten Sonderantrag auf „Entnahme“ des Umweltministeriums bewilligen.