Letztes Update am Sa, 11.11.2017 09:03

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Festtag

Erbsünde der Gans: Darum essen wir am Martinstag das Federvieh

Feinschmecker freuen sich jeden November über die köstliche Martinigans auf ihrem Teller. Dass die Tiere überhaupt in Verbindung mit einem der bedeutendsten Heiligen der katholischen Kirche gebracht werden, liegt an einem „faux pas“, den einige Vögel vor mehr als 1700 Jahren begangen haben.

© Das Geschnatter der Gänse verriet das Versteck des Martin von Tour .



Wien – Am 11. November feiern Katholiken das Fest des Heiligen Martin und verbinden damit eine Fülle an Bräuchen. Während Kinder sich beim Umzug mit selbstgebastelten Laternen amüsieren, freuen sich Erwachsene meist auf einen der kulinarischen Höhepunkte des Jahres, dem „Ganslessen“. Denn in der Zeit um den Martinitag wird in vielen Häusern Tirols eine schmackhafte Gans, meist mit Rotkraut und Knödeln, serviert. Dass es den Gänsen im November traditionsgemäß an den Kragen geht, ist auf einen „Fehler“ ihrer Vorfahren zurückzuführen, quasi eine Art „Erbsünde“.

Verräterisches Geschnatter

Martin von Tour wurde 316 in Sabaria – die Stadt liegt im heutigen Ungarn – geboren. Als Sohn eines römischen Tribuns trat Martin auf dessen Wunsch in die Armee ein. Der Legende nach begegnete der Soldat an einem Tag im Winter einem unbekleideten Bettler. Er soll sein Schwert genommen, seinen Mantel damit zerschnitten, und ihn mit dem armen Mann geteilt haben. In der darauffolgenden Nacht soll ihm Jesus im Traum erschienen sein, und sich für die gute Tat bedankt haben.

Bald schon entwickelte sich ein Mythos um den gutmütigen Soldaten, der ob seiner sozialen Ader im Jahr 371 zum Bischof von Tours ernannt werden sollte. Martin selbst sah sich des Amtes nicht würdig, und versteckte sich am Tag der Ernennung in einem Gänsestall. Die gefederten Tiere begannen wie wild zu schnattern und verrieten den Geflüchteten. Den Gänsen ist es den Erzähungen nach also zu verdanken, dass Martin zum Bischof und in Folge zu einem der bedeutendsten Heiligen der katholischen Kirche wurde.

Der heilige Martin und der Bettler, dargestellt vom griechischen Maler El Greco im 16. Jahrhundert.
- El Greco

Lichterprozession als fröhlicher Kinderumzug

„Ich geh mit meiner Laterne ...“, schallt fröhlicher Kindergesang am Martinstag durch viele Tiroler Gemeinden. Wochen zuvor bereiten sich die Kleinen im Kindergarten auf den abendlichen Umzug vor, basteln bunte Laternen aus Pappmaché und üben die Strophen des weit bekannten Liedes. Manch eine Gruppe hat beim Umzug sogar einen eigenen heiligen Martin dabei, der mit seinem berühmten Umhang auf einem Pferd voranreitet. Dabei war der ursprüngliche Anlass dieses Umzugs alles andere als eine Feierlichkeit: am 8. November 397 starb Martin von Tour und wurde drei Tage später beigesetzt. In einer Lichterprozession überführten die Einwohner von Tour seinen Leichnam zur Beerdigung. (jazz)