Letztes Update am Do, 09.11.2017 16:50

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Wildlife-Award-2017

Brennendes Elefantenbaby: Foto zeigt ,,tägliche Routine“ in Indien

Ein wütender Mob wirft brennende Teerklumpen und Böller auf eine Elefanten-Mutter und ihr Kalb – eine Aufnahme, die die brutale Realität in Indien zeigt. Von einer friedlichen Koexistenz der Dickhäuter mit den Menschen kann dort nicht die Rede sein. Im Gegenteil: Es kommt immer wieder zu tödlichen Konflikten.

© Biplab Hazra/Sanctuary Wildlife Der Fotograf dieses Bildes ist als Wildnis-Fotograf des Jahres ausgezeichnet worden. Auf Facebook wird das Foto oft mit den Hinweises zeige möglicherweise drastische Gewalt oder Blutvergießen angezeigt.



Neu Delhi — „Hell is here" — die Hölle ist hier — nennt der westbengalische Fotograf Biplab Hazra sein Bild eines brennenden Elefanten-Babys, das mit seiner Mutter vor erbosten Dorfbewohnern über eine Straße flüchtet. Das Foto gewann den ersten Preis bei den diesjährigen „Sanctuary Wildlife Awards". Doch welche Geschichte steckt dahinter?

Seit Jahren tobt in Indien ein blutiger Konflikt zwischen Mensch und Elefant. Zwar sind die Dickhäuter streng geschützt, doch wenn sie den Dörfern zu nahe kommen gibt es immer wieder Todesopfer auf beiden Seiten. Die Tiere würden Ernten zerstören und laut Regierungsangaben jährlich 300 Menschen töten.

Auf der anderen Seite dringen die Menschen immer weiter in den Lebensraum der Elefanten vor, zerstören Weidegründe, roden Wälder, bauen Straßen, Pipelines und Siedlungen.

Schwere Verbrennungen davongetragen

Um also zu verhindern, dass Elefanten sich über die Ernten der Bauern hermachen, greifen die Bewohner oft zu drastischen Mitteln. Das Bild des Fotografen Hazra zeigt nur eine von vielen Auseinandersetzungen in Westbengalen. Eine Horde Männer wirft brennende Teerklumpen und Feuerwerkskörper auf die Dickhäuter. Der Baby-Elefant brennt, sein gesamter Hinterkörper steht in Flammen. Das Maul ist weit aufgerissen, als schreie er vor Schmerz. Auch der Fuß der Mutter hat Feuer gefangen, das Ende des Schwanzes scheint verbrannt. Ein brennender schwarzer Klumpen fliegt durch die Luft.

Laut der „Sanctuary Wildlife Foundation" zeigt die Aufnahme eine „zur Routine gewordene Misshandlung" von Elefanten — nicht nur in Westbengalen sondern auch in vielen anderen Regionen Indiens, wo etwa 70 Prozent der weltweiten Elefanten-Population lebt.

Der Fotograf Biplap Hazra berichtete der Zeitung „Indian Express", dass die beiden Elefanten den Angriff offenbar „irgendwie überlebt" haben. Da die Tiere den Teer an ihren Sohlen nicht gezielt löschen können, haben sie wohl schwere Verbrennungen davongetragen.

„Planer nehmen keine Rücksicht auf die Tiere"

Die „Sanctuary Wildlife Photography Awards" werden jährlich an besondere Wildnis-Fotografen vergeben. 2017 musste die Jury aus über 5.000 Einsendungen die besten Aufnahmen auswählen — Rekord. Mit Blick auf das Siegerfoto wirft die Jury der Regierung in Indien vor, ihr sei die Situation völlig gleichgültig. Das Elefanten-Foto solle vor allem Aufmerksamkeit schaffen.

Auf Facebook versuchen Einheimische, die Situation etwas einzuordnen. „Bei dem Foto bricht es uns auch das Herz", schreibt Samiran Chatterjee aus dem Ort Borjan in der Region. „Wir Menschen können nicht so agieren. Aber das ist meine Heimat, ich weiß, dass die Elefanten dort ständig an die Siedlungen kommen, die Ernten zerstören, die Gärten platt machen." Eine andere Nutzerin argumentiert ähnlich: „Hier begehen Bauern Selbstmord, weil sie nichts mehr haben, wenn die Elefanten kommen und ihre Lebensgrundlage zerstören. Die können nicht zuschauen." Die wahre Ursache für das Leiden der Elefanten sei nicht das Feuer in diesem Foto, entfacht von Menschen, die selbst in Not sind.

So sieht es auch der Bittu Sahgal, Redakteur von „Sanctuary Asia". Er schreibt: „Die Schuld liegt bei den Planern, die ökologische Analphabeten sind und keinerlei Rücksicht auf die Korridore und Wanderwege der Elefanten nehmen und den Wald roden lassen." Völlig unterfinanzierte Wald-Behörden und deren Mitarbeiter würden alleine gelassen damit, den unvermeidlichen Konflikt zwischen Elefanten und Menschen zu bewältigen. „Wenn wir den Elefanten keinen Platz zum Leben gönnen, wird die Natur uns keinen Platz zum Überleben lassen." (TT.com)