Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 25.11.2017


Blick von Außen

Krisenhafter Charakter der Welt

Der Club of Rome oder ein Plädoyer für ein neues Aufklärungsdenken als Antwort auf den Wandel.

© BANGSymbolbild



Von Helmut Reinalter

Seit der Gründung des Club of Rome 1968 sind über 40 Berichte entstanden, die sich auf der Basis wissenschaftlich fundierter Analysen mit der Entwicklung und den Gefährdungen unserer Gesellschaft auseinandergesetzt haben. Der erste Bericht befasste sich mit den Grenzen des Wachstums 1972. Mit ihm trat der Club in die Weltöffentlichkeit. Im jüngsten Bericht von Ernst Ulrich von Weizsäcker und Anders Wijkman „Wir sind dran. Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen. Eine neue Aufklärung für eine volle Welt" wird auf das Aufklärungsdenken hingewiesen. Auch der Club of Rome, Chapter Österreich, hat dieses aktuelle und kontroverse Thema der neuen Aufklärung in den Mittelpunkt seines Kongresses in Wien gestellt.

Wachsende Kritik

Immer mehr Menschen unserer Zeit stellen die Lebensformen der modernen Kultur, den Staat, die Wirtschaft und die Wissenschaft, wie sie sich in Europa seit der Aufklärung des 18. Jahrhunderts herausgebildet haben, radikal in Frage. So werden gerade in den Kernländern der europäischen Kultur geistige Strömungen stärker, die den Rechts- und Verfassungsstaat der Neuzeit, die auf Privateigentum gegründete Marktwirtschaft und die moderne Wissenschaft mit ihren rationalen Problemlösungen überwinden wollen. Ein „postmodernes" Zeitalter soll dem menschlichen Glücksverlangen besser entsprechen als die europäische Moderne mit ihrem starken Hang zur Rationalität.

Für nicht wenige Menschen unserer Zeit ist das Produkt aus neuzeitlichem Aufklärungsoptimismus, wissenschaftlich-technischem Fortschritt und Machbarkeitsüberzeugung in eine Art Endzeit geraten. Unter dem diffusen wie inflationär gebrauchten Wort „Postmoderne" gruppiert sich eine kulturelle Avantgarde, bei der für den Ausgang des 20. Jahrhunderts das Bewusstsein der Nachträglichkeit gegenüber den Grundproblemen der späteren Neuzeit hervorgehoben wird. Die Vertreter der Postmoderne konzentrieren ihre Kritik besonders auf das Erbe der Moderne, worunter sie nahezu alle Errungenschaften der Neuzeit und des neuzeitlichen Rationalismus von der Aufklärung bis zur modernen Industriegesellschaft verstehen.

Mit der Umwandlung moderner Sozialsysteme von Wohlstands- in Risikogesellschaften zeichnet sich ein weiteres Indiz für eine epochale Veränderung der Moderne ab. Dieser Prozess wird „reflexiv", also sich selbst zum Thema und Problem. Diese Entwicklung bringt eine Zukunft hervor, auf die wir nur teilweise Einfluss nehmen können.

Kritik und Proteste gibt es überall dort, wo die Ansprüche und Instrumente ökonomischer, wissenschaftlicher und administrativer Vernunft über die Grenzen des Marktes, des Labors und der Verwaltung hinaus erweitert werden. In solchen Fällen kommt es tatsächlich vor, dass sich ökonomische Produktivkräfte in ökologische Destruktivkräfte und bürokratische Planungskapazitäten in lebensweltliche Störpotenziale verwandeln. Wo aus diesen Gefahren bereits vielfach Realität wurde, sprechen triftige Gründe für eine rasche Kurskorrektur, um den Katastrophen zu entgehen, die sich aus einer ungehemmten Fortsetzung dieser Entwicklung ergeben könnten.

Vor dem Hintergrund eines solchen Krisenszenarios verwundert es kaum, dass heute besonders jene Ideen an Bedeutung und Einfluss gewinnen, die verdeutlichen wollen, dass die Kräfte zur Steigerung der Verfügungsgewalt des Menschen über seine Welt Autonomie in Abhängigkeit, Emanzipation in Unterdrückung und Vernunft in Unvernunft bzw. Irrationalismus verwandeln. Dementsprechend komplex sind auch die Ausdrucksformen der gegenwärtigen geistigen Strömungen und die postmoderne Modernitätskritik. Sie reichen von einer Fortschreibung der Dialektik der Aufklärung über eine völlige Destruktion der Leitkategorien neuzeitlichen Denkens bis zur neuen Esoterik.

Pseudoaufklärung

Trotz dieser zum Teil berechtigten Kritik an der gesellschaftlichen Entwicklung und am neuzeitlichen Rationalismus können die Grundlagen der historischen Aufklärung und das unvollendete Projekt der Moderne sinnvoll weitergeführt werden. Dazu scheint es heute dringend erforderlich, eine neue, reflexive Aufklärung zu konzipieren, die die unverzichtbaren Grundlagen der historischen Aufklärung kritisch weiterentwickelt.

Diese neue Aufklärung versteht sich als unabschließbare Aufgabe und als Denkmodell, als Selbstaufklärung, als Selbstwerden durch freies Denken, aber auch als Sachaufklärung im Sinne von Wegräumen geistiger und realer Hindernisse der Selbstaufklärung. Aufklärung richtet sich als Selbstdenken gegen angemaßte Autorität und Vorurteile, als Richtdenken gegen Irrtümer, Irrationalismus und Aberglauben, gegen Ideologien, gegen Dogmen und absolute Wahrheiten. Die neue Aufklärung als modernes Denkmodell darf allerdings Aufklärung über sich selbst nicht vernachlässigen, sonst degeneriert sie zur Pseudoaufklärung oder Ideologie und zerstört sich selber.

Für die reflexive Aufklärung ist Immanuel Kants Selbstkritik der Vernunft von elementarer Bedeutung. Er versteht unter Kritik der Vernunft Selbstkritik der Vernunft und meint damit, dass es keine übergeordnete, auch keine göttliche Instanz gibt, vor der menschlicher Vernunftgebrauch zur Verantwortung gezogen werden könne. Das Selbstdenken hat sich allerdings heute auf Grund der Komplexität der Lebensverhältnisse und gesellschaftlichen Entwicklungen in vielen Fällen als psychische und soziale Überforderungen erwiesen.

Die Kritik an der historischen Aufklärung setzt dort an, wo behauptet wurde, sie habe in naiver Weise unterstellt, dass der Mensch gut sei und sich durch Herstellung geeigneter politischer und sozialer Verhältnisse dieser Vorzug deutlich zeigen werde. Dieser Glaube sei aber durch den Stalinismus und Nationalsozialismus widerlegt worden. Alle Fortschrittsideologien hätten sich im Laufe der Geschichte als verhängnisvoll erwiesen und trügen Schuld am krisenhaften Charakter der zeitgenössischen Welt. Gegen diese Auffassung muss jedoch eingewendet werden, dass das Projekt der Aufklärung durchaus positiv gesehen werden kann, wenn man auf den zentralen Gedanken der Aufklärungsphilosophie zurückgeht und die Verbindung mit einem naiven Rationalismus und einem optimistischen Menschenbild, das nicht alle Aufklärer vertraten, aufgibt. Die Forderung, wie sie Kant formulierte, selbst zu denken, besagt noch keineswegs, dass Menschen nur „res cogitandes" sind. Kant selbst betonte, dass zum Selbstdenken auch „Mut gehöre", eine Eigenschaft, die nicht die der reinen Vernunft sei. Aufklärung hat es letztlich mit dem konkreten Menschen zu tun, auch wenn sie seinen Verstand und die Vernunft als besondere Eigenschaft hervorhebt.

Sicher sucht der Mensch angesichts der vielen Probleme unserer komplexen Gesellschaft nach einem Gegengewicht, nach Erfahrung des Ganzen, dass die Welt nicht nur durchrationalisiert erscheint. Auch hier zeigt sich die Bedeutung des neuen Aufklärungsdenkens im Sinne einer Überwindung der in manchem falsch gelaufenen historischen Aufklärung. In diesem Zusammenhang spricht man auch in der Philosophie von der so genannten zweiten Aufklärung. Heute besteht durchaus die Möglichkeit, die Grundlagen der historischen Aufklärung im Sinne einer kritischen Aufklärung weiterzuentwickeln, um eine „Vernünftigkeit" anzustreben, die nicht im technischen Kalkül aufgeht, sondern sich ihrer Grenzen bewusst wird und gleichzeitig ihre Möglichkeiten prüft, wie wissenschaftliche Welterkenntnis, ethisches Handeln und gutes Leben zusammengedacht und praktiziert werden können.

Angesichts globaler Bedrohungen und der vielen Krisen der Risikogesellschaften scheint es notwendiger denn je, die Bemühungen im Sinne einer kritischen Aufklärung fortzusetzen.

Die historische Aufklärung hat auf Grund einseitiger Auslegungen, eines extrem egozentrischen Individualismus und durch die politischen Ideologien des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts das Emanzipationsprojekt gehemmt und zum Teil pervertiert. Gewiss hat sie aber auch einen Erfolg erzielt, obwohl heute das Humane und der technische Fortschritt immer weiter auseinander zu laufen scheinen. Eine neue, reflexive Aufklärung erkennt die Fehlentwicklungen und Grenzen dieses Projekts und kann korrigierend, vertiefend und weiterführend eingreifen.

Auf diesen Grundlagen aufbauend befasste sich der erwähnte Kongress mit fünf aktuellen Projektfeldern des neuen Aufklärungsdenkens, nämlich mit dem Terrorismus, mit Verantwortung und globaler Ethik (Weltethos), mit der Krise Europas und der Notwendigkeit eines europäischen Toleranzmodells. Zweifelsohne beginnen langsam Politik und Öffentlichkeit in Europa zu verstehen, dass der Terrorismus und die Flüchtlingsfrage zu den größten Problemen unsere Zeit zählen. Die eigentliche Herausforderung durch den Terrorismus liegt vor allem auf einer mentalen, geistig-kulturellen Ebene. Was setzen wir der mörderischen und gewaltsamen Vitalität des Terrors entgegen? Lässt sich aus der europäischen Tradition dazu Zukunftsweisendes formen? Ohne eine überzeugende Antwort auf diese Fragen geht jede Terrorabwehr und Sicherheitspolitik letztlich ins Leere.

Auch am Beginn des 21. Jahrhunderts gibt es neben Wohlstand und Überflussgesellschaft auch bittere Armut. In diesem Zusammenhang wurde eine Theorie der globalen Verantwortung entwickelt, wobei es sich hier um das Konzept einer globalen Gerechtigkeit handelt, die im politischen und individuellen Umgang mit der Weltarmut ein anderes Denken einfordert, nämlich eine Korrektur gewöhnlicher Moralvorstellungen. <

Helmut Reinalter war Prof. für Geschichte der Neuzeit und Politischen Philosophie an der Universität Innsbruck und leitet heute das Privatinstitut für Ideengeschichte. Er ist Mitglied des Club of Rome, Chapter Österreich. Helmut.Reinalter@uibk.ac.at




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