Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 04.12.2017


Teil 4

Die gute Geschichte: Ein Leben im Abseits

Menschen in Armut werden oft verurteilt – ohne den Weg in ihre Armut zu kennen.

Diethard H. freut sich in der Wärmestube der Caritas über ein Essen – aber auch darüber, mit anderen ins Gespräch zu kommen.

© CaritasDiethard H. freut sich in der Wärmestube der Caritas über ein Essen – aber auch darüber, mit anderen ins Gespräch zu kommen.



Innsbruck – Diethard H. hatte bereits eine bewegte Kindheit. Nur drei Monate nach seiner Geburt verunglückte die Mutter des heute 53-Jährigen bei einem tragischen Verkehrsunfall und so wuchs er bei seinen Großeltern auf. Seinen Vater lernte Diethard nie kennen. Als Kind musste er schließlich ins Heim – die Pflichtschule absolvierte er in Salzburg. Obwohl er seine Zeit im Heim positiv in Erinnerung behält, sehnte er sich nach einer „richtigen“ Familie. In der Jugend galt Diethard als psychisch labil. Seine Landwirtschaftslehre konnte er nicht abschließen und so schlug er sich mit verschiedenen Gelegenheitsjobs als Hilfsarbeiter durch. Seinen Kindheitstraum, Verkehrspilot zu werden, musste Diethard aufgrund seiner psychischen Krankheit aufgeben. „Ich war für bestimmte Jobs zu jung, zu unerfahren und zu gleichgültig. Zu viel habe ich auf die leichte Schulter genommen“, sagt der 53-Jährige. Einsamkeit, Arbeitslosigkeit und Depressionen führten Diethard zum Alkohol.

Immer öfter griff er zur Flasche, bis er schließlich in der Psychiatrie landete. Sein Kontakt zur Verwandtschaft brach daraufhin vollständig ab. Es kam für Diethard jedoch noch schlimmer – nach dem Alkohol kamen die Drogen. Anfangs hatte er nur „probiert“, bis das Probieren schließlich zur Sucht wurde. Alkohol und Drogen haben dem Mann zugesetzt. Gewohnt hat er in abgestellten Wagons und Lagerhäusern, die gerade im Winter sehr kalt waren. Um von den Drogen wieder wegzukommen, nahm Diethard zehn Jahre lang an einem Substitutionsprogramm teil.

Der Verein Dowas verschaffte ihm eine Wohnung. Mittlerweile konnte Diethard seine Drogen- und Alkoholsucht minimieren. Einmal täglich kommt er zur Essensausgabe in die Wolfgangstube der Caritas. „Die Caritas hilft Menschen ohne Vorbehalte. Ich erhalte Tipps und mir wird zugehört. Somit wird Menschen wie mir der Einstieg in ein ‚normales Leben‘ ermöglicht“, ist der 53-Jährige dankbar. Wünschen würde sich Diethard ein kleines Haus am Berg mit Aussicht: „Ich liebe schöne Aussichten – in der Stadt komme ich mir oft vor wie in einem Labyrinth.“ Besonders verletzend ist es für Diethard, wenn er von anderen Menschen auf das Abstellgleis gestellt und für sein Leben verurteilt wird. Gerade jetzt in der Weihnachtszeit fühlt er sich oft allein. Wenn möglich, versucht er, das Fest zu verdrängen. In den Caritas-Wärmestuben freut sich Diethard, neben warmen Mahlzeiten, auch darüber, mit anderen ins Gespräch zu kommen. (TT)

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