Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 24.12.2017


Heiliger Abend

Tiroler Lokführer: Mit dem Railjet in die „Stille Nacht“

Im ganzen Land müssen viele Menschen heute arbeiten, während die anderen das Fest feiern. Günter Holzknecht ist einer davon – ganz freiwillig.

© Mair



Von Marco Witting

Innsbruck – Hunderte Menschen bei der Rettung, Feuerwehrmänner in Bereitschaft, Pflegepersonal in den Krankenhäusern oder Altenheimen, Polizisten: Je länger man nachdenkt, desto mehr kommt man drauf, dass sehr viele Menschen auch heute, am Heiligen Abend, arbeiten müssen. Sie stellen sich in den Dienst der Gemeinschaft, verbringen das Fest getrennt von der Familie – auch damit andere feiern können. Günter Holzknecht aus dem Sellrain ist einer von ihnen. Der Lokführer fährt mit dem Railjet heute nach Wien und dann auch wieder zurück.

Und in die Zeit, in der das ganze Land heute die Bescherung feiert, vielleicht bei einem guten Essen sitzt, in diese Zeit fällt für Holzknecht gerade seine Pause in Wien. Etwas essen, sofern sich ein offenes Lokal findet. Ein kurzer Spaziergang. Das sind die Pläne des Lokführers für heute Abend. „Und dann geht es mit dem Railjet um 19.30 Uhr wieder zurück in Richtung Innsbruck. Zum dritten Mal in Folge macht der 59-Jährige an Weihnachten Dienst. Vor allem, wie er sagt, damit die Väter mit kleineren Kindern im Team das Fest daheim bei der Familie verbringen können. „Ich habe keine kleinen Kinder mehr und mich deshalb auch freiwillig für den Dienst gemeldet“, erklärt er. Erst gegen 23.50 Uhr wird Holzknecht heute wieder in Innsbruck sein. Rund eine Dreiviertelstunde später dann daheim.

Es seien im Vergleich zu sonstigen, sehr starken Reisetagen, natürlich deutlich weniger Menschen, die heute mit dem Zug fahren. „Aber ein paar hundert Menschen sind es trotzdem und irgendwie ist es auch ein besonderer Tag“, sinniert er. Menschen, die ihrerseits zu ihren Liebsten und den Familien wollen. „Es ist zwar der gleiche Dienst wie sonst auch, aber natürlich ein besonderer.“ Wenngleich: In der Lokomotive des Railjets kriegt man wenig davon mit, was sich hinten im Zug abspielt. In den knapp viereinhalb Stunden Fahrt sind keine Handys erlaubt. Und auch kein Radio. Stille also, in Richtung „Stiller Nacht“.

Seit 35 Jahren ist der Sellrainer mittlerweile Lokführer. Seit 45 Jahren bei den Österreichischen Bundesbahnen beschäftigt. Er ist die Stille auf der Lok natürlich gewohnt. Aber es gebe natürlich die Zeit, gerade an Weihnachten, an die Familie zu denken. Gleichzeitig müsse man auch konzentriert bleiben. „Ich habe dann zu Silvester frei und feiere das dann daheim mit der Frau“, erklärt er. Und das heurige Weihnachtsfest werde das letzte sein, an dem er Dienst hat. Im kommenden Jahr geht Holzknecht in Pension. „Ich hab’ schon im Kopf, wie es dann wieder am Heiligen Abend ablaufen wird“, erklärt er und grinst ein wenig schelmisch.

Das heurige Fest steht allerdings noch im Zeichen des Dienstes. „Ich komme erst nach Mitternacht nach Hause und meine Frau war natürlich nicht immer glücklich, wenn es darum gegangen ist, wieder zu Weihnachten zu arbeiten.“ Christbaum aufstellen, das müsse man dann eben „dazwischen“ machen, wie er sagt.

„Richtig gemütlich“ werde dann ohnehin am Christtag gefeiert. Zusammensitzen und etwas gutes essen, sind die Pläne bei der Familie. Und dazwischen wird sich Günter Holzknecht auch noch um seine zwei Pferde kümmern.

Und während am Heiligen Abend wohl überall nur mit der unbedingt benötigten Mannschaft gearbeitet wird, geht es in vielen Berufen dann am 25. Dezember so richtig los – oder voll weiter. Mit der Ankunft von Zehntausenden Urlaubern wird etwa in den heimischen Krankenhäusern und Notaufnahmen wieder Hochbetrieb herrschen. Auch die Mitarbeiter in der Gastronomie sind für die Gäste an den Feiertagen pausenlos im Einsatz. Bei der heimischen Rettung herrscht erhöhter Personalaufwand – 140 Sanitäter und Notärzte schieben hier auch nachts Dienst.

Und nicht zu vergessen, es sind zahlreiche Ehrenamtliche, die da sind, wenn in der stillen Zeit dann doch etwas passiert oder ein Christbaum Feuer fängt – und die Feuerwehrmänner das eigene Weihnachtsfest verlassen, um andernorts zu helfen.

Die Feiertagskonstellation hat es heuer zumindest möglich gemacht, dass die Menschen im Handel größtenteils heute frei haben. Auf sie warten drei freie Tage – ein seltener Luxus. Spätestens am Mittwoch geht es aber auch hier wieder zur Sache. Dann, wenn die großen Umtauschtage einsetzen.

Günter Holzknecht sieht die Arbeit am Feiertag pragmatisch. „Es wird immer Leute brauchen, die auch da arbeiten. Und man kann sich ja darauf einstellen.“ Nächstes Jahr freut er sich aber auf ein ganz gewöhnliches Fest im Kreise seiner Familie.