Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 31.12.2017


Exklusiv

Mit Spezialbrille sicherer: Rettungsflüge im Dunkeln

Umgerüstete Fluggeräte, Nachtsichtgeräte für die Crew: Die Hubschrauber des ÖAMTC in Tirol können Verletzte sicher im Dunkeln ans Ziel bringen.

© ÖAMTC/PostlÖsterreichweit wurden 19 ÖAMTC-Rettungshubschrauber für Nachtflugeinsätze umgerüstet. 70.000 Euro kostet die technische Adaptierung pro Fluggerät.



Von Brigitte Warenski

Innsbruck — Weil sich viele Unfälle in der Dämmerung ereignen und Verletzte gerade im Winter erst im Dunkeln in das Krankenhaus geflogen werden können, musste die Mannschaft der Christophorusflotte schon früher Einsätze am Nachthimmel fliegen. „Nachtflüge sind für unsere Piloten und Flugretter nichts Neues. Aber früher konnte man sich nur auf seine Augen verlassen und das ist in vielen Situationen schon eine extrem schwierige Aufgabe", erzählt Johannes Rathgeb, Stützpunktleiter des Christophorus 4 in Reith bei Kitzbühel und Trainer der ÖAMTC-Flugrettung.

Christophorus-Pilot im Einsatz bei einer Nachtrettung.
- ÖAMTC/Postl

Bis Ende 2018 wird es am Nachthimmel für die gesamte Mannschaft, die in den 24 österreichweit stationierten Hubschraubern eingesetzt ist, besonders in Situationen wie bei Wolken oder Nebel wesentlich leichter und auch sicherer. „Bisher haben wir 19 Hubschrauber — inklusive der vier, die in Tirol zum Einsatz kommen — für Nachtflüge umgerüstet, die restlichen fünf folgen noch", so Rathgeb.

Für die Nachteinsätze müssen die Hubschrauber mit technischen ­Add-ons versehen werden, was „ein relativ großer Aufwand ist und pro Fluggerät 70.000 Euro kostet. Es geht darum, dass die Lichter am Hubschrauber wie z. B. die roten Positionslichter die Nachtsichtgeräte der Crew nicht stören. Diese und andere Lichter müssen daher technisch adaptiert werden", weiß Rathgeb.

Am Helm von Johannes Rathgeb befindet sich das Nachtsichtgerät. Weil man mit dem Gerät nur ein eingeschränktes Sichtfeld hat und Entfernungen schwer erkennt, wird in regelmäßigen Trainingsflügen der Einsatz der Brille geübt.
- ÖAMTC/Postl

Die Nachtsichtgeräte, die 10.000 Euro kosten, sind an den Helmen der Piloten und Flugretter montiert. „Diese Geräte sind so genannte Restlichtverstärker. Das bedeutet, dass sie die vorhandene Lichtquelle bis um das 1000-Fache verstärken können", sagt Rathgeb. Die gesamte Crew wurde dafür eigens geschult, „weil man lernen muss, mit dem eingeschränkten Sichtfeld umzugehen. Normal hat man ein Sichtfeld von bis zu 210 Grad, mit der Brille nur 40 Grad, ähnlich wie bei einem Feldstecher. Dazu muss man lernen, das grünlich eingefärbte Bild, das man sieht, zu interpretieren. Die Brille liefert nämlich nur zweidimensionale Bilder und man kann Entfernungen ganz schwer und Geschwindigkeit kaum einschätzen", so Rathgeb. Um im Ernstfall immer einsatzbereit zu sein, „müssen z. B. die 15 Piloten und 45 Flugretter, die an den vier Ganzjahresstützpunkten in Innsbruck, Reith bei Kitzbühel, Zams und Lienz im Einsatz sind, „alle drei Monate einen Übungsnachtflug absolvieren", sagt Rathgeb.

Wie oft die Nachtsichtgeräte zum Einsatz kommen, hängt vom Stützpunkt ab. „In Innsbruck sehr selten, in Lienz dagegen durchschnittlich einmal pro Woche." Auch wenn sich die Hubschrauber problemlos am Nachthimmel navigieren lassen, „gibt es zwar in Krems, aber in Tirol keinen 24-Stunden-Betrieb, wie viele fälschlicherweise annehmen", erklärt Rathgeb. „Das würde viel mehr kosten und wäre somit eine politische Entscheidung." Und so gibt es Listen, auf denen genau vermerkt ist, um welche Uhrzeit an welchem Ort in Tirol offiziell die Nacht beginnt. „Bis dahin und keine Minute später darf gestartet werden. Die Nachteinsätze sind also vielmehr Rettungsflüge, die kurz vor Einbruch der Dunkelheit beginnen, oder es sind Tagesflüge, bei denen die Versorgung der Patienten bis in die Nacht dauert."

Warnzentrale fordert Heer an

Innsbruck — Die Landeswarnzentralen der Bundesländer können im Notfall das Bundesheer anfordern. Die Landeswarnzentralen koordinieren den Einsatz des Bundesheeres in Einklang mit den Helfern der Feuerwehr und anderer Organisationen. „Im Zuge von so genannten Assistenzeinsätzen bekommen wir sowohl Unterstützung durch die Entsendung von Soldaten als auch durch die Bereitstellung von Hubschraubern", sagt der stellvertretende Leiter der Landeswarnzentrale Tirol, Stefan Thaler. Die Bundesheerhubschrauber kommen z. B. nach Naturkatastrophen oder bei besonders großen Unglücksfällen zum Einsatz. Das Bundesheer unternimmt z. B Versorgungsflüge, wenn „Medikamente oder Lebensmittel gebraucht werden". Das Bundesheer unterstützt aber auch bei Lawinenwarnstufe 4 und 5 die Lawinenkommission bei wichtigen Erkundungsflügen. „Nachtflüge gibt es aber nur bei dringender Notwendigkeit. Diese besteht unter anderem, wenn verletzte Personen in der Nacht geborgen werden müssen." Der größte Assistenzeinsatz des Bundesheeres in Tirol war im Februar 1999 beim Lawinenunglück von Galtür, wo 18.000 Personen aus der Gefahrenzone ausgeflogen wurden. Angefordert werden z. B. bei Waldbränden „aber auch Hubschrauber von privaten Unternehmen", erklärt Thaler. (wa)