Letztes Update am So, 31.12.2017 10:01

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Ein Raum für Trinker gegen öffentliche Saufgelage

Eine Alternative zum reinen Verbot des Alkoholkonsums auf zentralen Plätzen und Straßen kommt aus Deutschland: die Trinkertreffs.

© Thomas BöhmSeit Jahren wirken deutsche Städte dem öffentlichen Alkoholkonsum mit so genannten Trinkertreffs entgegen. Bier und Wein müssen von den Besuchern selbst mitgebracht werden. (Symbolfoto)



Von Benedikt Mair

Innsbruck – Aus dem Stadtbild verschwinden sollen die Bilder von Menschen, die in der Öffentlichkeit Alkohol konsumieren – zumindest wenn sie dabei nicht in einer Bar sitzen. Besonders in der Landeshauptstadt geht die Gemeindepolitik rigoros gegen das Trinken auf viel besuchten Plätzen und Straßen vor.

Laut Kritikern der Verordnung auf Kosten jener, die hilflos sind: alkoholkranke, häufig obdachlose Menschen. Sie würden vertrieben, ausgegrenzt und aus der Mitte der Gesellschaft verbannt. Ein Ansatz, um diesem Problem entgegenzuwirken, kommt von unseren nördlichen Nachbarn. In Deutschland gibt es seit vielen Jahren Trinkertreffs, Trinkräume, Säuferstuben. Die Bezeichnungen sind vielfältig, der Zweck immer derselbe: Menschen, die nicht ohne Alkohol können, einen Platz geben, wo sie ungestört konsumieren können.

Auf diesem Grundsatz basiert auch das Café Berta im Norden Dortmunds. Die ehemalige Kneipe wurde von der Verwaltung der nordrhein-westfälischen Stadt 2012 renoviert, dort ein Fernseher hineingestellt, ein Kicker-Tisch aufgebaut und das Lokal für Besucher geöffnet. Die Entscheidung, den Trinkertreff als Projekt zu starten, sei gefallen, weil es immer wieder Beschwerden von Anrainern gab, die sich über das Verhalten der Alkoholkranken aufgeregt hätten, erzählt Anna Maria Brinkhoff, Projektleiterin des Cafés Berta. „Natürlich gibt es in der Stadt auch Verbotszonen. Wir wollten aber nicht nur verbieten, sondern auch eine Alternative anbieten. Zu Beginn gab es in der Nachbarschaft große Bedenken, ob der Trinkertreff die Probleme nicht noch mehr auf ein bestimmtes Stadtgebiet konzentrieren würde. Wir sind auf die Bevölkerung zugegangen, haben runde Tische eingerichtet. Beim dritten runden Tisch kam niemand mehr, weil alle Bedenken verflogen waren.“

160.000 Euro jährlich lässt sich Dortmund den Treff kosten – teilfinanziert über EU-Geld. Zwei Mitarbeiter kümmern sich um jene, die in die Einrichtung kommen. „Der Trinkraum ist keine Therapie-Einrichtung. Es wird aber niederschwellige Beratung angeboten“, sagt Brinkhoff. Alkohol verkauft wird im Café Berta übrigens keiner. Die Besucher – bis zu 100 pro Tag und überwiegend Männer – bringen das Bier und den Wein selbst mit. Es gibt aber Wasser und Kaffee.

Für Franz Wallentin vom Innsbrucker Verein für Obdachlose ist ein Trinkerraum zwar keine Alternative zu einem Alkoholverbot, „sehr wohl aber eine zusätzliche Möglichkeit, den akzeptierenden Ansatz im Suchtverhalten von Menschen zu verfolgen“. Immerhin gebe es viele Suchtkranke, die von Armut betroffen seien und es sich nicht leisten könnten, wie jeder andere in eine Bar zu gehen.

Einen Trinkerraum gibt es in Tirol bereits, der jedoch nicht für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Das Lokal in den Innsbrucker Bögen ist an die Obdachloseneinrichtung Alexihaus angegliedert und darf von deren Bewohnern genutzt werden. „Wenn wir das für alle öffnen würden, würden sie uns die Türen einrennen“, sagt Raimund Sölder, Leiter des Alexihauses. Er sieht großes Potenzial in den Trinkerräumen: „Von Seiten der Betroffenen ist auf alle Fälle der Bedarf gegeben.“

Seit drei Jahren gilt in Innsbruck Verbot

Innsbruck – Im Sommer 2014, genauer am 12. Juli, wurden im Innsbrucker Gemeinderat Nägel mit Köpfen gemacht. Dem Trinken auf bestimmten öffentlichen Plätzen war schon länger der Kampf angesagt worden, nun war es fix: Es wurde ein Alkoholverbot für die Maria-Theresien-Straße, den Bozner Platz und den Innrain beschlossen. Es brach ein Sturm der Entrüstung los. Besonders die Aktion des Grünen-Stadtrats Gerhard Fritz und des damaligen Uni-Vizerektors Roland Psenner – sie tranken vor der Annasäule medienwirksam ein Glas Wein und erstatteten daraufhin Selbstanzeige – ist in Erinnerung geblieben. Die Kritik war vergebens. Etwas mehr als ein Jahr später entschied der Verfassungsgerichtshof, dass das Verbot rechtens ist.

Im Spätherbst dieses Jahres wurde das Alkoholverbot dann vom Stadtrat auf große Teile der gesamten Altstadt ausgeweitet. (bfk)