Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 06.01.2018


Alleinerziehende

Kinder im ungeheizten Haus: „Österreichs nicht würdig“

Die Plattform für Alleinerziehende fordert die Überarbeitung des Familienrechts, eine Kindergrundsicherung und die Stärkung Betroffener durch Bildungsangebote.

© Getty Images/iStockphotoIn Tirol gibt es 20.200 Ein-Eltern-Familien, die meisten Kinder leben bei den Müttern. Jede dritte Alleinerziehende gilt als armutsgefährdet.Foto: iStock



Von Michaela S. Paulmichl

Innsbruck – Trennen sich die Eltern, ist für die Kinder nichts mehr, wie es mal war. Zwar wurden in den vergangenen Jahren viele gesetzliche Regelungen zu ihrem Schutz eingeführt. Einrichtungen wie Rainbows unterstützen Familien in dieser schwierigen Situation und helfen Kindern und Jugendlichen in den Phasen der Trennung. „Aber es kann natürlich immer mehr getan werden, vor allem bei hochstrittigen Scheidungen“, sagt die Tiroler Kinder- und Jugendanwältin Elisabeth Harasser. Der Kinderbeistand – Personen, die sich vor Gericht ausschließlich um die Bedürfnisse des Kindes kümmern – sollte öfters zum Einsatz kommen. „In Tirol war das im vergangenen Jahr nur 21-mal der Fall.“

Die Plattform für Alleinerziehende sorgt sich um die finanzielle Situation der betroffenen Familie­n: „Ein-Eltern-Haushalte haben mit rund 40 Prozent das größte Risiko für Armut oder Aus­grenzung“, sagt Obfrau Gabriele Fischer. „Oft will der getrennt lebende Elternteil seinen Unterhaltsbeitrag nicht leisten, oder er kann es nicht, weil er selbst finanzielle Probleme hat.“ Eine Befragung der Plattform ergab, dass 18 Prozent der Kinder von Alleinerziehenden weder Unterhalt noch Unterhaltsvorschuss erhalten, mehr als die Hälfte bekommt weniger als den staatlich festgelegten Regelbedarfssatz.

„Wenn beim Familien­einkommen der Beitrag eines Elternteils zum Unterhalt fehlt, leiden die Kinder. Es ist traurig und Österreichs nicht würdig, wenn Kinder den Winter in einer unbeheizten Wohnung verbringen müssen“, sagt Univ.-Prof. Reiner Buchegger vom Institut für Volkswirtschaftslehre an der Uni Linz.

Fischer: „Eine staatliche Kindergrundsicherung wäre ein Meilenstein in der Armutsprävention. Sie würde das Zukunfts­potenzial und die gesellschaftliche Partizipation des Kindes stärken.“ Das Familienrecht sollte überarbeitet und an die gelebte Realität und die Pluralität von Familienformen angepasst werden.

Zahlen, Fakten

Alleinerziehend: Im vergangenen Jahr wurden in Österreich 179.600 Ein-Eltern-Haushalte mit zu erhaltenden Kindern unter 25 Jahren gezählt, darunter 160.200 Mütter und 19.700 Väter. 112.000 Alleinerziehende hatten Kinder unter 15 Jahren. In Tirol gibt es 20.200 Ein-Eltern-Familien.

Armut: Jede dritte alleinerziehende Mutter gilt als armutsgefährdet. Doppelbelastung und finanzielle Engpässe gehen einher mit erhöhten gesundheitlichen Risiken für Eltern und Kinder.

Häufiger Vollzeit als andere: Jede vierte Mutter ohne Partner arbeitet aus wirtschaftlichen Gründen auf Vollzeitbasis (27,1 Prozent), aber nicht einmal jede fünfte Frau, die mit einem Partner zusammenlebt (18,6 Prozent). Trotzdem haben Personen in Ein-Eltern-Haushalten gegenüber anderen ein stark erhöhtes Armutsrisiko.

Quelle: Statistik Austria