Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 14.01.2018


Exklusiv

Tirols Schulen bereiten sich auf mögliche Masernepidemie vor

Treten an einer Schule Fälle auf, sollen nicht geimpfte Kinder zu ihrem eigenen Schutz daheim in Quarantäne bleiben. Zur Erhebung des Impfstatus werden vorsorglich die Impfpässe eingesammelt.

© iStockSchulen erstellen Listen mit den Namen der nicht geimpften Kinder. Brechen Infektionskrankheiten wie Masern oder Keuchhusten aus, können sie sofort gewarnt werden.



Von Michaela S. Paulmichl

Innsbruck, Stams – Im Sekretariat des Meinhardinums in Stams stapeln sich die Impfpässe der Schüler. Nach dem schriftlichen Aufruf des Gymnasiums haben viele Eltern nicht lange gezögert, das kleine gelbe Dokument herausgesucht und ihren Kindern in die Schule mitgegeben. Das vom Direktor und der Schulärztin unterzeichnete Schreiben war nüchtern, aber auch unmissverständlich: Es gehe um die Sicherheit der Kinder. Hintergrund für die Aktion sind Fälle von Masern und Keuchhusten an zwei Tiroler Schulen. „Diese Krankheiten verlaufen in letzter Zeit schwerer als in früheren Jahrzehnten und eine Epidemie wird wahrscheinlicher, weil immer weniger Kinder geimpft sind“, heißt es darin.

Die Maßnahme ist eine Art Bestandsaufnahme, bei der es letztlich um die Kinder geht, die keinen Pass abgeben: Erkrankt jemand an der Schule an Masern oder Keuchhusten, sollen nicht geimpfte Schüler gewarnt und so vor einer Ansteckung bewahrt werden, erklärt Direktor Georg Jud die Vorsichtsmaßnahme. Sie werden sofort vom Schulbesuch ausgeschlossen. Um rasch und gezielt handeln zu können, werden Namenslisten angelegt.

Niemand wird gezwungen, seinen Impfpass abzugeben, das ist rechtlich auch nicht möglich. Doch wer es nicht tut, gilt automatisch als nicht geimpft und muss im Ernstfall mehrere Wochen daheim in Quarantäne eigenständig den Lehrstoff erarbeiten. Die Vorkehrungen – laut Jud wäre es „fahrlässig“, nicht zu reagieren – beziehen sich nicht nur auf Stams. Tiroler Schulen und Kindergärten werden von der Gesundheitsbehörde aufgefordert, sich auf den Ausbruch einer meldepflichtigen Infektionskrankheit dem Epidemiegesetz entsprechend vorzubereiten. Die Regelung gilt bundesweit.

„Wir haben mit dem Landesschulrat empfohlen, die Daten nicht geimpfter Kinder oder Jugendlicher evident zu halten“, sagt Claudia Mark von der Landessanitätsdirektion. Die Zunahme der Infektionskrankheiten führt sie auch auf die Impfmüdigkeit zurück, den ihrer Meinung nach überforderten Eltern seien die Auswirkungen, die lebensbedrohlich sein können, nicht bewusst.

Die Zahl der Infektionskrankheiten nimmt europaweit zu, 2017 erkrankten 19.000 Menschen, 46 starben. In Tirol wurden 155 Fälle von Keuchhusten gemeldet und zehn Masern­erkrankungen, berichtet Anita Luckner-Hornischer von der Landessanitätsdirektion. Am häufigsten treten sie in Rumänien auf, gleich gefolgt von Italien und Deutschland. „Und wir liegen in der Mitte.“

In die Daten soll nur die Schulärztin Einsicht haben, heißt es unterdessen aus Stams. Die Schule weist darauf hin, keinen Druck auf die Kinder auszuüben, sich impfen zu lassen. Die Entscheidung der Eltern, der Schulärztin Einsicht in den Impfpass zu gewähren oder nicht, werde in jedem Fall respektiert.