Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 10.02.2018


Exklusiv

Fast sechs Jahre auf Entschädigung gewartet

2012 kam es in Prägraten bei einem Rettungseinsatz mit Helikopter zu einem schweren Unfall. Ein Bergretter starb, ein zweiter musste bis jetzt auf Entschädigung warten.

© BrunnerAm 29. April 2012 kam es beim Rettungseinsatz zum Unglück: Der Heli­pilot klinkte das Seil aus, an dem die Bergretter hingen.



Von Catharina Oblasser

Prägraten – Trauer, Bestürzung und Verzweiflung sind bis heute unvergessen: Am 29. April 2012 ereignete sich bei einem Rettungseinsatz in Prägraten ein folgenschweren Unfall. Nachdem ein Tourist am Großvenediger in eine Gletscherspalte gefallen war, rückte ein Bergrettungsteam mit dem Hubschrauber aus, um Hilfe zu leisten. Doch der Hubschrauber geriet wegen schlechter Sicht und starken Windes in Turbulenzen. Der Pilot befürchtete einen Absturz und klinkte das Seil aus, an dem drei Retter hingen.

Die Folgen waren fatal: Einer der Retter, Franz Franzeskon, starb beim Aufprall. Die anderen beiden überlebten. Doch einer, Bergretter Matthias Berger aus Prägraten, wurde so schwer verletzt, dass er einige Zeit zwischen Leben und Tod schwebte.

Seither hat sich viel geändert. Was jedoch lange Zeit gleich blieb, war die Weigerung der Heli-Versicherung, Berger angemessen zu entschädigen. Erst im heurigen Jahr, Mitte Jänner, konnte man sich auf einen Vergleich einigen, berichtet der Lienzer Anwalt Johannes Hibler, der Berger vertritt. „Wirklich befriedigend ist das Ergebnis nicht, aber immerhin etwas“, meint der Anwalt.

Bergretter Matthias Berger erlitt bei einem Einsatz 2012 eine schweren Unfall mit bleibenden Schäden. Entschädigt wurde er erst jetzt.
- Oblasser

Der 45-jährige Prägratner erhielt den Verdienstentgang ersetzt, den er durch den Unfall erleiden musste. Davor hatte Berger einen Beruf gehabt, der extreme körperliche Fitness erfordert. Den kann er nicht mehr ausüben. Auch Schmerzengeld kam dazu. Eine konkrete Summe will Hibler nicht nennen.

Berger selbst zeigt sich im Gespräch mit der TT trotz allem erleichtert, dass die Sache abgeschlossen ist. Das sei besser, als noch weitere Jahre mit einem ungewissen Ausgang zu verhandeln. „Die lange Warterei war sehr zermürbend“, meint der dreifache Vater. Er wolle jetzt nach vorne blicken. Die knapp sechs Jahre, die seit dem Unglück vergangen sind, seien für die ganze Familie schwer genug gewesen.

An den Unfall am 29. April 2012 kann sich Berger nicht mehr erinnern. „Ich weiß noch, dass wir am Seil hinaufgeflogen sind – und dann, dass ich im Krankenhaus Klagenfurt aufgewacht bin.“ Nach drei Wochen im künstlichen Tiefschlaf, vier Operationen und wochenlangen Reha-Aufenthalten ging es 2015 wieder bergauf. „Ich bekam eine Stelle bei der Wildbach- und Lawinenverbauung. Dort sind Chef und Kollegen sehr verständnisvoll und unterstützen mich, wo es nötig ist.“ Auch die Osttiroler Bergrettungskameraden seien immer für ihn dagewesen, will Berger betonen.

Schmerzen hat er nach wie vor von Zeit zu Zeit. Doch immerhin kann Berger wieder das tun, was er überaus gerne macht: Ski- und Bergtouren. „Leichte Varianten schaffe ich“, sagt er.

Das Unglück am Großvenediger im Jahr 2012 hatte nicht nur tragische Folgen für viele Menschen. Es wirft auch die Frage nach der Angemessenheit von Gesetzen auf, wie Anwalt Hibler erklärt. „Das Luftfahrtgesetz, das hier gilt, setzt die Geldsumme für Schadenersatz mit maximal 135.000 Euro fest. Das klingt nach viel, ist es aber nicht.“ Warum, lässt sich so erklären: Auf dieses Geld hat nicht nur das Unfallopfer selbst – nämlich Berger – Anspruch, sondern auch Einrichtungen wie das Krankenhaus, in dem er operiert wurde. Oder die Rehazentren, die Berger betreuten. Das Geld, das diese Behandlung und Betreuung gekostet hat, können die Einrichtungen vom Verursacher des Unfalls – also dem Heli-Unternehmen bzw. seiner Versicherung – zurückfordern. Dass dann für das eigentliche Opfer, nämlich Berger, nicht mehr viel übrig bleibt, liegt auf der Hand.

Der Pilot, der 2012 das Seil mit den Rettern ausgeklinkt hat, wurde übrigens nicht angeklagt. Laut Gutachten hat er angemessen gehandelt.