Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 14.02.2018


Nach Unfall in Neustift

Kriseninterventionsteam: „Wir lindern den ersten Schmerz“

Nach dem tragischen Tod eines Zweijährigen herrscht in Neustift Fassungslosigkeit. Unter den ersten Helfern vor Ort: ein Team der Krisenintervention. Dessen Mitarbeiter sorgen für Ruhe, Sicherheit und Information.

© zeitungsfoto.at"Die Mitarbeiter geben einen Anstoß in Richtung Trauerbewältigung", sagt Dietmar Kratzer von der Krisenintervention. (Symbolfoto)



Von Benedikt Mair

Neustift, Innsbruck – Ein ganzes Tal trauert. Der Unfalltod eines zwei Jahre alten Buben in Neustift hat das ganze Stubaital in eine Schockstarre verfallen lassen. Aufgrund der tragischen Umstände war ein Team der Krisenintervention des Roten Kreuzes unter den ersten Rettern vor Ort. „Wir machen so etwas wie akute Hilfe“, umschreibt Dietmar Kratzer, klinischer Psychologe und fachlicher Leiter der Krisenintervention, die primären Aufgaben der ausschließlich freiwilligen Helfer.

Das war in Neustift passiert: Am frühen Montagabend war ein 28-Jähriger damit beschäftigt, mit einem Traktor den Schnee vor seinem Bauernhof zu räumen. Gegen 18.25 Uhr kam es dann zu dem Unglück. Der Mann hatte seinen Sohn laut Polizeibericht übersehen und mit dem Fahrzeug überrollt. Für den Zweijährigen kam jede Hilfe zu spät.

„Wenn Kinder sterben, dann ist das besonders schwer zu fassen. Jeder geht davon aus, dass sie naturgemäß länger leben als die Erwachsenen. Tritt das Gegenteil ein, dann passiert es oft, dass die Angehörigen die Tatsachen einfach leugnen“, schildert Kratzer. Aber nicht nur beim Tod von Kindern sind Mitarbeiter der Krisenintervention vor Ort. „Wir werden oft bei Lawinenunglücken, Suiziden und hauptsächlich Unfällen alarmiert.“ Pro Tag wird die Krisenintervention durchschnittlich zweimal alarmiert, etwa 750 Einsätze gibt es jährlich.

In jedem Tiroler Bezirk befindet sich rund um die Uhr ein zweiköpfiges Team der Krisenintervention in Bereitschaft. Landesweit hat die Abteilung des Roten Kreuzes etwa 220 freiwillige Mitarbeiter – davon zirka 40 Psychologen, einige Seelsorger, Pädagogen, aber auch hauptberufliche Sanitäter oder Polizisten. Die Ausbildung ist aufwändig. Nach einem Vorgespräch, bei dem getestet wird, ob die Anwärter geeignet sind, beginnt eine achtmonatige theoretische Schulung, die mit einem Test abgeschlossen wird. Erst wenn dieser positiv ausfällt, werden erste Praxiserfahrungen gesammelt.

Eingeschaltet werden die Kriseninterventionsteams von der Leitstelle, der Polizei oder den abwesenden Sanitätern. „Die sind oft schon vor Ort und können einschätzen, ob wir benötigt werden“, sagt Kratzer. Wenn sich ein Team auf den Weg zum Einsatz mache, dann würden bereits im Auto erste Informationen über die Situation gesammelt. „Wo ist der Verunfallte oder Verstorbene? Wer ist unser Ansprechpartner? Das alles sind wichtige Fragen, die wir so früh wie möglich beantworten müssen.“

Nach dem Eintreffen käme es darauf an, was die Betroffenen bräuchten. Das sei von Fall zu Fall verschieden. Kratzer: „In der Regel kann man sagen, dass verständlicherweise ein großes Maß an Verzweiflung vorhanden ist. Wir müssen für Sicherheit sorgen, Ruhe in die Situation bringen.“ Eine weitere zentrale Aufgabe der Kriseninterventionsteams sei es, den Angehörigen die wichtigsten Informationen über den Stand der Dinge zu übermitteln. „Wenn zum Beispiel die Reanimation noch läuft, sind wir das Bindeglied zwischen Rettern und Familienmitgliedern. Damit sie auch immer wissen, was gerade mit ihrer Frau, ihrem Mann oder eben Kind passiert.“ Dann würde versucht, die „sozialen Netzwerke“ zu aktivieren, erklärt der Psychologe. „Wir versuchen Freunde oder Verwandte zu informieren. Wenn die da sind, braucht es uns meist nicht.“ Schließlich würde den Trauernden auch oft noch ermöglicht, sich von den Verstorbenen zu verabschieden. „Das klären wir entweder mit den Rettern, oder dann mit dem Bestatter.“ Ein durchschnittlicher Einsatz dauert zwischen drei und fünf Stunden.

Natürlich könne man in dieser Zeit keine Wunder erwarten, stellt Kratzer klar. „Wir lindern den ersten Schmerz. Und geben einen Anstoß in Richtung Trauerbewältigung.“

Jeden Tag verunfallen 340 Kinder

Auf dem Schulweg, am Spielplatz, aber auch zuhause: Überall lauern Gefahren für die Kleinsten. Wie das Kuratorium für Verkehrssicherheit (KFV) in einer Aussendung schreibt, verunfallen in Österreich im Durchschnitt 123.500 Kinder pro Jahr — das ist in etwa ein Unfall alle vier Minuten, circa 340 pro Tag. Alle zwei bis drei Wochen stirbt ein Kind laut KFV an den Folgen eines Unfalls. Im Jahr 2017 kamen österreichweit 20 Kinder unter 14 Jahren ums Leben, die Hälfte davon bei Verkehrsunfällen. Drei Kinder ertranken, zwei erlitten bei Fensterstürzen tödliche Verletzungen und im August kam in Bludenz ein 19 Monate alter Bub in einem überhitzten Auto zu Tode. Unfälle sind — neben Krebserkrankungen — die Todesursache Nummer eins im Alter bis 14 Jahren. (TT, APA)




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