Letztes Update am Di, 20.02.2018 19:00

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


17 Tote an US-Schule

Schulmassaker in Florida: Die (gefallenen) Helden und Opfer

Ein selbstloser Footballcoach. Ein mutiger Geografielehrer. Junge, eifrige, aufstrebende Schüler: 17 Menschen wurden bei dem Amoklauf an einer Schule in Florida jäh aus dem Leben gerissen. Das sind ihre Geschichten.

Weiße Kreuze vor der Schule erinnern an die 17 Todesopfer. Viele kommen hier her, um zu trauern.

© ReutersWeiße Kreuze vor der Schule erinnern an die 17 Todesopfer. Viele kommen hier her, um zu trauern.



Von Tamara Stocker

Parkland — Als Schüsse durch die Schulgänge hallen, läuft Scott Beigel nicht um sein Leben. Der Geografielehrer bleibt stehen, um seine Schüler in Sicherheit zu bringen. Er sperrt ein Klassenzimmer auf, lotst die Kinder eilends hinein. Noch bevor Beigel die Tür schließen kann, erschießt ihn Nicolas Cruz (19) kaltblütig. Mit seinem halbautomatischen Sturmgewehr AR-15 tötet der 19-Jährige an jenem Valentinstag 16 weitere Menschen an der Marjory Stoneman Douglas High School in Parkland, Florida.

Matthew Zeif (14), ist der Letzte, der in das Klassenzimmer fliehen kann. Sekunden später füllt sich der Raum mit einem rauchigen Nebel. Der 14-Jährige dreht sich um und sieht seinen Lehrer bleich und blutend vor der Tür liegen. „Mr. Beigel ist mein Held und wird das für immer sein. Ich werde nie vergessen, was er für mich und meine Mitschüler getan hat. Wir haben ihm unser Leben zu verdanken", sagt Schülerin Kelsey Friend später unter Tränen dem Nachrichtensender CNN.

Viele heldenhafte Taten

Scott Beigel wird an diesem Tag nicht der Einzige sein, der das Leben anderer vor sein eigenes stellt. Auch Aaron Feis (37), ein beliebter Football-Coach, stirbt im Kugelhagel, als er sich schützend vor drei seiner Schülerinnen wirft. Schwer verletzt bringen Rettungskräfte Feis noch ins Krankenhaus — während einer Not-Operation verlieren die Ärzte jedoch den Kampf um sein Leben. Feis hinterlässt eine kleine Tochter.

Der 37-Jährige war auch als Sicherheitskraft an der Schule tätig, schaute stets nach dem Rechten. Er half jenen, die in Schwierigkeiten waren, war vielen ein Freund. Schüler beschreiben ihn als „aufgeschlossen, selbstlos und hilfsbereit." „Aaron starb so, wie er lebte — er stellte sich selbst immer hinten an", erinnert sich Denise Lehtio, Sprecherin des Football-Teams. „Er starb als Held."

Helden gibt es an diesem rabenschwarzen Tag viele. Eine Lehrerin, die 19 ihrer Schüler in einem Schrank versteckt. Eine Hausmeisterin, die Jugendliche in die andere Richtung scheucht, als sie drauf und dran sind, dem Schützen in die Arme zu laufen. Ein 17-Jähriger, der rund 70 Mitschüler in ein Klassenzimmer pfercht und die Gegenstände, hinter denen sie sich verstecken, mit kugelsicheren Laken bedeckt. Und schließlich ein Polizist, der den Schützen Nicholas Cruz auf seiner Flucht unweit der Schule findet und verhaftet.

Auch der 15-jährige Peter Wang beweist Mut, als er anderen die Tür aufhält, um ihnen zur Flucht zu verhelfen. Er selbst wird erschossen. „Peter sollte nicht sterben, er sollte mit mir alt werden", schreibt sein Cousin auf Facebook.

Die Schulgemeinschaft der Marjory Douglas High School trauert um 17 ihrer Schüler und Lehrer.
Die Schulgemeinschaft der Marjory Douglas High School trauert um 17 ihrer Schüler und Lehrer.
- Twitter/ConservativeTHt

Verzweifelte Online-Suche

In dem sozialen Netzwerk suchen an diesem Nachmittag viele nach ihren Liebsten. Auch Fred Guttenberg startet einen verzweifelten Aufruf: „Wir können Jamie nicht erreichen. Wenn sie jemand gesehen oder mit ihr geredet hat, ruft mich bitte an." Stunden später wird der Vater posten: „Unsere Herzen sind gebrochen. Wir haben unsere Tochter verloren und unser Sohn seine Schwester."

Auch auf Twitter kursieren an diesem Nachmittag Bilder von Vermissten. Einer von ihnen ist Joaquin Oliver (17), genannt Guac. „Er war vernarrt in Basketball", weiß sein enger Freund Julien Devoste. Am Donnerstag hätten sie zusammen auf dem Feld gestanden. Julien selbst versteckt sich am Tag des Amoklaufs in einem Schrank, schreibt Guac eine SMS: „Bist du okay? Du musst mir bitte antworten." Doch das wird er nicht mehr.

Jason Hite, Schwimmtrainer an der University of Indianapolis wartet an jenem Tag ebenfalls vergebens auf eine Nachricht. Nicholas Dworet, 17 Jahre alt, hat vor wenigen Wochen ein Stipendium erhalten, wäre nach seinem Abschluss im Frühling ins Team der Uni gewechselt, hätte dort Physiotherapie studiert. An diesem Vormittag verabschiedet sich Nicholas mit einem „bis morgen" bei seiner Mitschülerin Alex Greenwald. Die beiden kennen sich seit dem Kindergarten. Auf Instagram schreibt Alex später: „Du wirst nie wieder zurückkommen. Zu wissen, dass du beim Abschluss nicht mit mir auf der Bühne stehen wirst, ist niederschmetternd und zerreißt mir das Herz."

Erinnerungen an die Opfer von Parkland.
Erinnerungen an die Opfer von Parkland.
- REUTERS

Abschlussschüler und Erstklässler

Auch Meadow Pollack (18) und Helena Ramsay (17) werden ihr Abschlusszeugnis nie in den Händen halten. Helena wäre nächstes Jahr ins College gekommen, Meadow hatte eine Zusage für eine Universität. Gii Lovito postet ein Foto von Meadows Grab, appelliert: „Niemand sollte so etwas durchmachen müssen. Es muss sich was verändern. Ich werde meine Stimme für Meadow und die anderen Opfer dieser abscheulichen Tat erheben."

Wenige Tage nach dem Schulmassaker sind Überlebende und Eltern auf die Straße gegangen, um für schärfere Waffengesetze zu demonstrieren. Die jungen Menschen rufen zu Protesten auf, darunter ein Demonstrationszug unter dem Motto „Marsch für unsere Leben" durch Washington am 24. März.

Für andere einstehen, das war auch für Alaina Petty (14) eine Herzensangelegenheit. Als Hurrikan Irma im September Teile Floridas verwüstet, zögert sie nicht und engagiert sich als freiwillige Helferin. „Ihre Selbstlosigkeit hat denen, die alles verloren haben, viel Freude und Frieden geschenkt", wissen ihre Eltern. Sie sind sich sicher, dass aus ihrer Alaina eine erstaunliche Frau geworden wäre. „Leider können wir sie nicht mehr aufwachsen sehen."

Alaina war eine von fünf Erstklässlern, die am 14. Februar aus dem Leben gerissen wurden. Ihr erstes Jahr an der „Douglas High" sollten auch Martin Duque Anguiano (14), Tänzerin Cara Loughran (14) und Gina Montalto (14), die für ihr Leben gerne zeichnete, nicht überleben. „Ich weiß, dass sie irgendwo im Himmel an den neuesten Trends feilt und ihr Malbuch immer dabei hat", trauert Ginas Tante auf Facebook.

Aussichtsreiche Zukunft, beeindruckende Vergangenheit

Im Himmel wieder vereint mit seiner Mama ist Alex Schachter (14) — sie starb, als er fünf Jahre alt war. Sein älterer Bruder überlebt die Schießerei. Er und sein Vater haben eine Crowdfunding-Aktion gestartet, um Alex' Erbe fortzuführen. Der 14-Jährige war Posaunist in der Schulmarschkapelle. „Er hatte eine glänzende Zukunft vor sich", ist sich der Leiter sicher. Mit dem gesammelten Geld soll ein Stipendienfonds eingerichtet werden, um „Schülern zu ermöglichen, die Freuden der Musik zu erleben und gleichzeitig die Sicherheit an den Schulen zu erhöhen."

Die Schulgemeinschaft trauert auch um Basketballspieler Luke Hoyer (15) und Carmen Schentrup (16). Die 16-Jährige war eine Kandidatin für ein hoch angesehenes Stipendienprogramm — doch das sollte sie nie erfahren. Der Brief trudelt erst einen Tag nach ihrem Tod ein. „Sie war die intelligenteste 16-Jährige, die ich jemals kennengelernt habe", sagt ihr Cousin Matt Brandow.

Neben dem Lehrer Scott Beigel und Football-Coach Aaron Feis ist auch der sportliche Direktor der Schule, Chris Hixon (49) unter den Toten. Der 49-Jährige genoss einen guten Ruf im Highschool-Sport in Florida. 2017 wurde er für sein langjähriges Engagement gar ausgezeichnet. Seine Schüler waren für ihn wie seine eigenen Kinder — er nahm sie mit zur Schule oder spendierte ihnen das Mittagessen. Weder er noch die anderen Opfer werden je vergessen sein.

Bei einer Gedenkveranstaltung in der örtlichen Kirche wurden Kerzen für jedes der Opfer angezündet.
Bei einer Gedenkveranstaltung in der örtlichen Kirche wurden Kerzen für jedes der Opfer angezündet.
- REUTERS