Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 27.02.2018


Exklusiv

,,Können Kinder schwul sein?“: Aufregung um Sex-Fragebogen

Ein Fragenkatalog, der Schülern in Jenbach im Aufklärungsunterricht vorgelegt wurde, verärgert eine Mutter. Der Landesschulrat nennt die Unterrichtspraxis “inakzeptabel“.

© ZOOM.TIROL„Die verwendeten Materialien stammen aus Deutschland und waren nicht für den Unterricht an österreichischen Schulen vorgesehen“, kommentiert der Landesschulrat.



Von Benedikt Mair

Jenbach, Innsbruck – Die Vorgehensweise, welche in der 1. Klasse der Neuen Mittelschule 1 in Jenbach gewählt wurde sei „inakzeptabel“. So kommentiert gestern der Landesschulrat in einer schriftlichen Stellungnahme die Beschwerde von Sandra Wallner. Deren elfjährige Tochter war vergangenen Freitag von der Schule nach Hause gekommen und habe ihr „Erschreckendes“ vom Aufklärungsunterricht berichtet. Ein 101 Fragen starker Katalog (dieser liegt der TT im Original vor) rund um die Themen Sex und Sexualität löste bei der Frau aus Buch Kopfschütteln aus.

Wallners Tochter habe ihr erzählt, dass sie fast hätte brechen müssen. Und auch der Mutter war nicht mehr wohl im Magen: „Als ich die Fragen gelesen habe, wurde mir übel. Das hat für mich mit Aufklärung nichts mehr zu tun. Niemand hat uns Eltern Bescheid gegeben, dass der Unterricht in dieser Form stattfindet.“

„Als ich die Fragen gelesen habe, wurde mir übel. Das hat mit Aufklärung nichts mehr zu tun“, sagt Sandra Wallner 
(Mutter aus Buch)
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Während die meisten Fragen nachvollziehbar formuliert sind – „Was ist ein Kaiserschnitt?“, „Wie lange sind Frauen schwanger?“, „Was ist ein Samenerguss?“ –, gibt es auch, teils ordinäre, Ausreißer. „Muss man nackt ficken?“, „Kann man mit dem Po oder Ohr Sex machen?“ oder „Können Kinder schwul sein?“ steht da etwa geschrieben.

Während des Unterrichts, abgehalten von Schulsozialarbeitern, wurden mehrere kurze Aufklärungsvideos gezeigt, erklärt dazu die Schulleitung der Neuen Mittelschule. Dann sei den Kindern besagter Bogen ausgehändigt worden, „der von den Schulsozialarbeitern zusammengestellt wurde. Diese Fragen sind dem Buch ‚Klär mich auf’ von Katharina von der Gathen und Anke Kuhl, einem Kinderbuch ‚Ab 8 und für alle‘, entnommen.“

Eine Praxis, die laut Landesschulrat so nicht vorgesehen ist: „Einerseits ist es nicht Aufgabe der Schulsozialarbeit, Aufklärungsunterricht zu halten, und andererseits sind die verwendeten Materialien, die aus Deutschland stammen, nicht für den Unterricht an einer österreichischen Schule vorgesehen.“ Morgen wird es ein klärendes Gespräch mit Frau Wallner, dem Schulleiter und den Schulsozialarbeitern geben. Außerdem wird laut Landesschulrat „dieser Vorfall zum Anlass genommen, die Thematik bei der nächsten Konferenz der regionalen Schulaufsicht im März zu behandeln. Mit dem Ziel, dass es keine ähnlichen Vorfälle mehr gibt.“

Gerhard Nosko, Sprecher der Tiroler Kinder-, Jugend- und Familienpsychologen im Berufsverband der österreichischen Psychologen, kann den Ärger der Mutter nachvollziehen. „Viele Eltern wollen nicht, dass ihnen das Thema der Aufklärung abgenommen wird. Wenn eine Schule dann ohne Absprache Sexualkundeunterricht abgehalten hat, fühlen sich manche vor den Kopf gestoßen.“

Es sei deshalb, stellt der Psychologe klar, unabdingbar, die Erziehungsberechtigten vom Prozess nicht auszuschließen. „In die Vorbereitung des Aufklärungsunterrichts müssen auch sie mit eingebunden werden. Ein Elternabend, bei dem die Abläufe erklärt werden, ist zum Beispiel ein gutes Mittel dafür.“ Zudem müsse man ihnen auch zusätzlich mit Rat und Tat zu Seite stehen, ihnen Unterstützung anbieten, damit die Eltern mit dem Thema nicht allein seien.

Grundsätzlich lasse sich sagen, dass Aufklärung nie früh genug beginnen könne, ist Nosko überzeugt. „Bereits im Volksschulalter beginnen Kinder ihr Geschlecht zu entdecken. Es kommt nur immer darauf an, wie konkret oder abstrakt das Thema vermittelt wird. Denn nicht alle Kinder sind auf demselben Entwicklungsstand.“