Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 08.03.2018


Osttirol

„Aufgeschoben“ ist in Lienz gut aufgehoben

Vor genau einem Jahr startete die Aktion „Caffè sospeso“. Seitdem wurden 1533 Gutscheine für Bedürftige gesammelt. Das Projekt zieht weitere Kreise.

© Funder



Von Claudia Funder

Lienz – Etwas aufzuschieben hat nicht immer mit Faulheit oder Bequemlichkeit zu tun. Es kann auch eine Geste der Solidarität dahinterstecken. Beim Caffè sospeso ist das der Fall. Dabei handelt es sich nicht um einen speziellen Kaffee aus Italien. Obwohl: irgendwie doch. Denn die Tradition zu diesem „aufgeschobenen“ Kaffee wurde vor über hundert Jahren in Neapel geboren. In jüngerer Zeit startete die Idee neu durch und verbreitete sich. Längst ist die gute Tat in vielen Lokalen auf der ganzen Welt Usus.

Das Prinzip ist simpel und wertvoll zugleich. Man bezahlt zwei Kaffee und spendet einen davon jemandem, der finanziell nicht so gut aufgestellt ist. Und bietet ihm gleichzeitig die Chance, ebenfalls am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können.

Vor einem Jahr, Anfang März 2017, startete die sympathische Aktion auch in Osttirol. Den Impuls setzten damals Sigrid Ortner und Elfriede Passegger von der Tristacher Initiative „Z’ammhelfen“.

Der Beginn wurde in drei Lienzer Lokalen – Heike’s Caf­é, Bäckerei Gruber und Café Tramonto – gemacht, in denen man sofort auf offene Ohren gestoßen war.

Doch es blieb nicht beim aufgeschobenen Kaffee. Bald gesellten sich zwei Eisdielen – in der Messinggasse und am Hauptplatz – dazu, in denen man Eiskugeln spendieren kann. Und längst ist auch das Café Köstl mit an Bord. Hier gibt es Gulaschsuppe und Toast zum Aufschieben – für einen Unbekannten. Denn sein Glück zu teilen erfolgt quasi als anonyme Freundschaftsgeste. Dennoch kommt zum Ausdruck: „Mir ist nicht egal, wie es dir geht.“

Für die spendierten Genüsse werden Gutscheine ausgestellt, die gesammelt dem Lienzer Sozialladen SoLaLi überreicht werden. Dieser verteilt sie an Bedürftige. So wird keiner in die Rolle des Bittstellers gedrängt. Zudem ist einem möglichen Missbrauch der Hilfsbereitschaft der Riegel vorgeschoben.

Zum Jahrestag der Aktion freuen sich die Organisatorinnen. „1533 Gutscheine wurden verkauft“, verrät Passegger im Gespräch mit der TT. „Es freut mich sehr, dass es uns gelungen ist, die Aktion das ganze Jahr aufrechtzuerhalten. Und ich bin glücklich, dass die Osttiroler so spendierfreudig sind und ein Herz für Bedürftige haben.“

Der Lohn für das Engagement der Organisatorinnen: ein vielfaches Dankeschön jener, welche die Gutscheine einlösen können.

Neu dazu kam nun ein China-Restaurant, das „Shanghai“ in der Kreuzgasse. Hier kann man bereits ab nächster Woche jeweils von Dienstag bis Freitag Mittagsmenüs um je fünf Euro spenden.

Zurück lehnen sich Passegger und Ortner trotz des Erfolgs der Aktion nicht. Denn diese soll weiter wachsen. „Es wäre schön, wenn sich noch weitere Unternehmen melden würden“, ergänzt Passegger.