Letztes Update am Mi, 07.03.2018 11:46

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Studie der Gerichtsmedizin

Studie: Mehr Kokain in Innsbrucks Abwässern nachgewiesen

Mit der europaweiten Untersuchung lassen sich Trends am Drogenmarkt eruieren. Innsbruck liegt beim Drogenkonsum im hinteren europäischen Mittelfeld.

© pixabayDie Untersuchungen der Abwässer in Innsbruck zeigen: der Gehalt an Kokain hat zugenommen. (Symbolfoto)



Innsbruck – Mit einer ungewöhnlich anmutenden Studie untersucht das Institut für Gerichtliche Medizin der Medizinischen Universität Innsbruck (GMI) Entwicklungen am Drogenmarkt in der Tiroler Landeshauptstadt. Einen Blick werfen die Wissenschafter dabei nicht etwa auf verfügbare Substanzen am freien Markt, auf Partymeilen oder auf Sicherstellungen der Polizei – getestet wird, ob sich in den Abwässern von Innsbruck Spuren der vier verbotenen Substanzen Kokain, MDMA (Ecstasy), Amphetamin und Methamphetamin feststellen lassen.

Kokaingehalt ist gestiegen

Im neuesten Ergebnis zeichnet sich deutlich ein Trend ab: Die Menge an nachgewiesenem Kokain ist am Steigen. Damit folgt Innsbruck der generellen europäischen Entwicklung, heißt es in einer Aussendung. Die Messergebnisse seien jedoch nicht nur auf die Tatsache zurückzuführen, dass mehr Kokain am Markt vorhanden ist, sondern auch, dass es sich dabei um reinere Substanzen handelt. Letztere Information basiert auf der statistischen Auswertung der chemischen Zusammensetzung von 190 Kokainproben, die in den vergangenen drei Jahren am GMI untersucht wurden. „Untermauert wird diese These auch durch Berichte des Büros der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung, wonach in Kolumbien seit 2013 die Anbauflächen des Kokastrauchs und damit die Produktionsmengen an Kokain jährlich um rund 30 Prozent steigen“, weiß Richard Scheithauer, Leiter der Innsbrucker Gerichtsmedizin.

Leiten die Studie: Herbert Oberacher (re.) vom forensisch-toxikologischen Forschungslabor an der Innsbrucker Gerichtsmedizin und Michael Willis, Leiter des Vorarlberger Kompetenz- und Behandlungszentrums für Suchterkrankungen Maria Ebene.
- MUI/ Heidegger

Anders als bei Kokain zeichnet sich bei den anderen untersuchten Stoffen MDMA (Ecstasy), Amphetamin und Metamphetamin ein stabiler Verlauf ab. Besonders „erfreulich“ sei der Umstand, dass das als besonders gefährlich geltende Methamphetamin nur in sehr geringen Mengen nachgewiesen werden konnte.

Besonders am Wochenende und vor Feiertagen würde MDMA (Ecstasy) bevorzugt, so die Experten. Das Untersuchungsergebnis deckt sich auch mit den Erfahrungen von Michael Willis, der vormals als Suchtexperte an der Klinik in Innsbruck und nun als Leiter des Vorarlberger Kompetenz- und Behandlungszentrums für Suchterkrankungen Maria Ebene in Frastanz tätig ist: „Ecstasy ist eine Partydroge und wird primär an Wochenenden konsumiert, wogegen Amphetamin und Kokain einerseits im Rahmen einer Abhängigkeit täglich, andererseits aufgrund ihrer leistungssteigernden Wirkung auch im Berufsleben und damit auch an Arbeitstagen unter der Woche konsumiert werden.“

Innsbruck tut sich dabei keineswegs als „Drogenhochburg“ hervor – im europäischen Vergleich befinde sich die Landeshauptstadt bezogen auf die im Abwasser gemessenen Werte der vier genannten Substanzen „bestenfalls im Mittelfeld“ der 56 untersuchten Städte. Spitzenreiter sind wiederholt Antwerpen, Zürich und Barcelona.

Anlaufstellen für Drogenabhängige

Innsbrucker Gerichtsmedizin als Kompetenzzentrum

Die europaweite Studie wird fortlaufend über das Netzwerk SCORE in Zusammenarbeit mit der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht durchgeführt. Die Ergebnisse von Innsbruck repräsentieren dabei in internationalen Berichten ganz Österreich. „Teilnehmende Labore müssen mit hoher Zuverlässigkeit geringste Spuren an Drogen im Abwasser nachweisen können. Es gelten entsprechend hohe Qualitätsstandards, die jährlich in einem eigenen Ringversuch übergeprüft werden“, erklärt Herbert Oberacher, Leiter des forensisch-toxikologischen Forschungslabors an der GMI. An insgesamt 150 Tagen zwischen März 2016 und Jänner 2018 wurde in Innsbrucks Abwasser der Gehalt an Drogen bestimmt.

„Durch kontinuierliches Monitoring des Abwassers lassen sich einfach, kostengünstig, schnell, zeitnah und mit hoher räumlicher und zeitlicher Auflösung Trends und Entwicklungen am Drogenmarkt erkennen“, fasst Herbert Oberacher die Vorteile der Abwasseranalyse zusammen. Ein langfristiges Monitoring einer Region und letzten Endes eines Kontinents diene auch der Politik als Grundlage, entsprechende Maßnahmen in der Drogenpolitik zu setzen, so Oberacher. Die Wissenschafter hoffen nun, die Untersuchung auch auf andere Städte ausweiten zu können, erste Gespräche dazu hätte es bereits gegeben. (TT.com)