Letztes Update am Mi, 14.03.2018 10:07

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Leben im falschen Körper: Mama, ich will ein Bub sein

Rund 30 Kinder bzw. Jugendliche in Tirol fühlen sich im falschen Körper. Eine Familie in Grinzens begleitet derzeit den 14-jährigen André auf seinem langen Weg zum Mann.

© TT/Thomas BöhmAndré und seine Mutter Barbara Schuster reden über alles. Seine Transsexualität hat daran nichts geändert.



Von Evelin Stark

Grinzens — „Hallo, ich bin André": Selbstbewusst streckt der 14-Jährige seine Hand zur Begrüßung aus und setzt sich mit seiner Mutter an den Küchentisch. Erst seit ein paar Wochen trägt er diesen Namen. Bis dahin war er — zumindest auf dem Papier — Angélique. Nur den Nachnamen hat der 14-Jährige behalten, der Rest ist für immer vorbei. Das zeigen auch die vielen alten Fotos auf dem Küchentisch. André Schuster ist transsexuell.

Vor drei Jahren war er noch ein Mädchen, nicht nur optisch. André zeigt ein Handyfoto.
- TT/Thomas Böhm

„Er war immer ein eher verschlossenes Kind. Wir hatten Angst, dass er keinen Anschluss findet, weil er so zurückgezogen war", sagt Barbara Schuster, die Mutter des Teenagers. Vom Kindergarten an habe er nie Mädchenkleider anziehen wollen und sich auch nie für Puppen interessiert. „Er" — das sagt sie, als sei nichts selbstverständlicher auf dieser Welt. Verblüffend ist die Leichtigkeit, die Mutter und Sohn ausstrahlen, wenn sie über das Mädchen Angélique sprechen, das es gar nicht mehr gibt. Unverändert innig ist ihre Beziehung.

„Ab der Mittelschule ist er dann immer offener geworden. In der zweiten Klasse kam er eines Tages nach Hause und sagte mir, dass er auf Mädchen steht", lacht sie, während Andrés Augen hinter der Brille herausstrahlen. Sie habe sich nicht viel dabei gedacht, er war ja schließlich erst zwölf Jahre alt, und: „Ob lesbisch oder nicht, das war mir nicht wichtig."

Ende der dritten Klasse wurde es ernst: André erklärte der Mutter in Form eines ausführlichen Briefes, was ihn eigentlich belastete: „Er hat beschrieben, dass er sich in seinem Körper nicht wohlfühlt, ihn die Brust sehr stört und er das Bedürfnis hat, lieber ein Mann zu sein." Er habe sich schon über das Thema informiert, schrieb er weiter, und dass er transsexuell sei. „Ich wollte in den Brief alles hineinschreiben und sichergehen, dass ich nichts vergesse", sagt André.

„Das war zuerst schon einmal ein Schock", erzählt die Mama. 14 Jahre lang sei er ihr Engelchen, die kleine Prinzessin gewesen und das sollte nun auf einen Schlag weg sein. Erst nach ein paar Tagen hätten sie dann angefangen, über Andrés Brief zu sprechen, bevor der Papa eingeweiht wurde. Das ist nun knapp über ein Jahr her.

Definition:

Transsexuelle Menschen sind in ihrem biologischen Geschlecht eindeutig bestimmt. Diese biologischen Männer oder Frauen fühlen sich aber dem jeweils anderen psychischen Geschlecht zugehörig und streben teils über eine chirurgische oder hormonelle Therapie die Anpassung ihres Körpers an ihr psychisches Geschlecht an. Das Wort Transgender ist der Überbegriff für Menschen, die transsexuell oder nicht eindeutig einem Geschlecht zugehörig sind.

Intersexuelle Menschen sind genetisch, hormonell oder anatomisch nicht eindeutig dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zuzuordnen. Häufige Ursachen für Intersexualität sind Variationen im Chromosomensatz. Das weibliche Geschlecht wird durch zwei X-Chromosomen bestimmt, das männliche durch die Kombination von einem X- mit einem Y-Chromosom. Uneindeutig wird das Geschlecht, wenn z. B. nur ein einziges X-Chromosom vorhanden ist.

Als Transvestiten werden (meistens) Männer bezeichnet, die sich zu gewissen Zeiten als Frau verkleiden und schminken. Die Person kann, muss aber daraus nicht unbedingt einen sexuellen Lustgewinn ziehen. Dragqueens hingegen sind Männer, die sich in übersteigerter Form als Frau stylen und vorwiegend in der Unterhaltsbranche tätig sind (z. B. Conchita Wurst, Olivia Jones oder Lilo Wanders).

Eine große Herausforderung sei es gewesen, eine Anlaufstelle zu finden, erzählt Barbara Schuster. Die Beratungsstelle „Courage" in Innsbruck habe dann aber Tolles geleistet. „Die ,Courage' ist ein Ort für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transsexuelle, die dort hingehen können, wenn sie Hilfe brauchen. Alle zwei Wochen gibt es dort Treffen, die man ein Jahr lang besuchen kann", erklärt André.

„Bei der ,Courage' haben wir Schritt für Schritt erfahren, was wir machen können, damit er zu einem Bub wird", ergänzt die Grinzenerin.

Das erste sei die Verpflichtung, regelmäßige psychotherapeutische Sitzungen zu absolvieren. Fast ein Jahr lang musste André wöchentlich zur Therapie, inzwischen alle zwei Wochen. „Es geht darum, dass über die Therapie und etliche psychische und physiologische Tests sichergestellt wird, dass das Kind wirklich transsexuell ist, bevor mit Hormonen und Blockern angefangen wird", erklärt die 36-Jährige.

Seit 17. Jänner erhält André nun „endlich" die Blocker gespritzt, wie er stolz sagt. Während die Regelblutung ausbleibt und die Brust aufhört zu wachsen, plagen ihn mitunter Hitzewallungen und Stimmungsschwankungen. „Mir geht es trotzdem gut", lächelt er.

So kurz ein Jahr rückblickend erscheint, so beschwerlich und belastend sei es doch gewesen, sagt die Mutter. Mit der ersten Hürde zu den Blockern kommen neue Tests, die darüber entscheiden, ob gegengeschlechtliche Hormone gegeben werden.

Ab diesem Punkt gilt dann: Es gibt kein Zurück. „Ich kann es kaum erwarten", strahlt der fast 15-Jährige über das ganze Gesicht. Von Verschlossenheit ist da weit und breit nichts zu spüren. In weiterer Folge stehen dann Operationen an: die Entfernung der Brust, Eierstöcke und Gebärmutter.

André ist Schüler am BORG in Innsbruck und hat sich dort selbst geoutet: „Als ich es meinen Mitschülern erzählt habe, wurde um mich herum geklatscht", sagt er. Ob er schon einmal eine Freundin hatte? „Ja, aber das ist schon wieder vorbei." Dafür ist die kleine Schwester der größte Fan. Die stolze Mama: „Als sie erfuhr, dass André jetzt ein Junge ist, ging sie schnurstracks in ihre Volksschule: Jetzt habe ich einen Bruder!"

André auf Instagram: instagram.com/night.transboys

Die Beratungsstelle Courage: www.courage-beratung.at

130 Patienten im Transgender Center

Innsbruck — Vor einem Jahr haben die Innsbrucker Universitätskliniken ein Transgender Center eingerichtet. Mediziner, Psychologen und Juristen begleiten dort Menschen, die ihr Geschlecht angleichen möchten.

„Ein Stufenplan mit klaren Abläufen und Zuständigkeiten, Psychotherapie, Evaluationen und Hormonbehandlungen geht allen Eingriffen voran. Die geschlechtsangleichende OP ist erst der allerletzte Schritt", erklärt Gerhard Pierer, Direktor der Uniklinik für plastische, rekonstruktive und ästhetische Chirurgie. Das stufenweise Vorgehen sei für den Gesamterfolg wichtig und diene auch dazu, jene Patienten herauszufiltern, die von einem Umwandlungsprozess nicht profitieren würden. Deshalb könne es bis zu drei Jahre dauern, bis operiert wird. Für Lisa Pedross ist das zu lang.

Die Innsbruckerin sieht sich als Vertreterin von 80 Trans-Personen und Intersexuellen und ist dabei, einen „Verein für inter-trans-menschen" zu gründen. Sie fühlt sich „vertröstet" und „nicht anständig" behandelt. Deshalb möchte sie ein eigenes Ärzte-Netzwerk aufbauen. Pedross wirft Pierer vor, keinen spezialisierten Operateur mehr zu haben, was einen Stillstand verursacht habe. „Wir können jede OP durchführen und erweitern das Team um zwei Chirurgen", entgegnet dieser. OPs würden circa alle zwei Wochen durchgeführt.

Sowohl Pierer als auch Bettina Toth, Leiterin der Uniklinik für Gynäkologische Endokrinologie, sind von der hohen Zufriedenheit ihrer Patienten überzeugt. „Momentan betreuen wir 130 Trans-Personen, jeden Monat kommen zehn bis 15 dazu. Damit gehören wir in Europa zu den wenigen Zentren mit viel Erfahrung", sagt Toth. Man behandle auf Krankenschein, „was sicher nicht die Regel ist", so Toth, der die Enttabuisierung von Transsexualität ein Anliegen ist. (thm)