Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 01.04.2018


Bogenmeile

Bekannteste Ausgehmeile Tirols steht vor dem Aus

Die ÖBB verordnen der Innsbrucker Bogenmeile ein neues Image und stoßen damit vor Ort auf viel Verständnis, aber auch auf Kritik.

© IKBDie Stadt und die ÖBB wollen die Bögen grundlegend verändern.



Von Michaela S. Paulmichl

Innsbruck — Geht es um die Sicherheit, sind sich alle einig: Da muss sich etwas ändern — schon im eigenen Interesse. Denn niemand hat etwas davon, wenn die Gäste ausbleiben. „Da geh ich nicht hin, bei den Bögen ist es zu gefährlich." Diesen Satz hat Doris Theimer, Obfrau des Event-Vereins „Lucifer", Bogen 52, schon öfters gehört — „obwohl wir weit entfernt von den berüchtigten Lokalen liegen". Sie bedauert die geplanten Maßnahmen — „wir wissen noch nicht, ob es auch uns trifft" —, kann sie aber nachvollziehen. Schuld an der Situation seien jene, die Betriebsgenehmigungen bis in die Früh und noch länger erteilt hätten.

Nach der Ankündigung der ÖBB, die Nachtgastronomie in der Bogenmeile werde es in dieser Form nicht mehr geben, herrscht Ratlosigkeit bei vielen Bar- und Clubbetreibern und ihren Gästen. Auf Nachfrage präzisieren die Bundesbahnen ihr künftiges Vorgehen: „Es geht uns vor allem um die Nachtclubs, die bis zum nächsten Tag oder rund um die Uhr offen haben. Das wollen wir nicht mehr, denn dort gibt es die meisten Probleme", sagt ÖBB-Sprecher Christoph Gasser-Mair. „Als Vermieter geht es uns darum, mit der Vergabepolitik Problemstellungen zu lösen oder erst gar nicht entstehen zu lassen."

Das bedeutet konkret: In frei werdende Bögen werden keine Nachtlokale mehr einziehen. Bis es den gewünschten neuen Mix gibt, wird aber wohl einige Zeit vergehen, denn bestehende Mietverträge können nicht gekündigt werden. Unklar ist auch, wie viele Betriebe unbefristete Verträge haben. Gasser-Mair: „Es wird jedenfalls niemand hinausgeworfen." Schon derzeit werden nur noch auf fünf Jahre befristete Mietverhältnisse abgeschlossen.

Werner-Domenic Tautermann — „Zero Lounge", Bogen 30, befürwortet, dass keine weiteren Nachtlokale öffnen dürfen und spricht sich für mehr Polizeipräsenz zur Prävention aus: „Das würde einige davon abhalten, sich falsch zu verhalten, und die anderen könnten sich sicherer fühlen." Die Bogenmeile aber soll erhalten bleiben: „Wo sollen die Leute sonst hingehen?" Über dem Eingang des Lokals hängt eine Videokamera. „Wir schauen, wer zur Tür hereinkommt, können aber nicht alle kontrollieren." Das Lokal ist bis mittags geöffnet.

"p.m.k".
- Rudy De Moor

David Prieth von der „p.m.k" — Plattform mobiler Kulturinitiativen, Bogen 18 bis 20: „Wir haben einen Kulturauftrag und sind deswegen auch daran interessiert, dass die Situation vor der Bögen ruhig ist und sich die Leute wohl und sicher fühlen." Alle sollten gemeinsam an Methoden arbeiten, die Gegend sicherer zu machen. „Leider gibt es viele, sehr unangenehme Vorfälle, die auch wir mitbekommen."

Café "Brennpunkt".
- Rudy De Moor

Das Café Brennpunkt, Bögen 46 bis 48, gehört schon zu jener neuen Generation der ausdrücklich erwünschten Betriebe zur Aufwertung der Gegend. „Wir sind ein Tagescafé, das bis 20 Uhr geöffnet hat", sagt Julian Schöpf. Die Initiative der ÖBB sei sehr wichtig, „man hat die Party- und Drogenszene hierherverlegt, um sie woanders wegzubekommen, und die Sache dann nicht weiter beachtet". Er sei nicht gegen eine Partymeile, „aber hier läuft alles aus dem Ufer. Muss öffentlicher Drogenkonsum und -handel toleriert werden?" Für die Zukunft sieht er großes Potenzial für die Bögen — „vielleicht als Kulturellenviertel?"

"Lucifer".
- Rudy De Moor

Auch die Anrainer sprechen von einer „guten Nachricht": „Hier zu wohnen, ist für mich zu einer großen Belastung geworden", sagt ein Nachbar. Zuletzt sei es aber etwas besser geworden, „in unserem Teil haben in den vergangenen Jahren einige zugesperrt".

"Weli".
- Rudy De Moor

Wenig begeistert dagegen sind die Studenten: „Es ist sehr bedauerlich, dass das kulturelle Angebot in Innsbruck zurückgeschraubt wird, das sehr viele Studenten nützen — immerhin ein Viertel der Bewohner in der Stadt", sagt ÖH-Vorsitzende Johanna Beer. Dass die Bogenmeile unsicher sei, ist für sie kein Argument: „Dann müssen eben andere Rahmenbedingungen geschaffen werden."

Auch Dagmar Niederegger vom „Weli", Bogen 26, meint: „Innsbruck hat 30.000 Studenten, da braucht es eine eigene Nachtszene. Man kann sie nicht einfach abschaffen oder verdrängen. Sonst wandern sie ab und nehmen die Probleme mit."