Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 22.04.2018


Tirol

Bessere Ideen für mehr Lärmschutz

In der Schweiz testet man neue transparente Lärmschutzwände, Wissenschafter rechnen bei Belastungen längst nicht nur mehr in Dezibel. Am Aktionstag gegen Lärm gibt es nächste Woche viele Aktionen.

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© Thomas BöhmSymbolfoto.



Von L. Pircher

Innsbruck — Lärm ist nicht gleich Lärm. Ob etwas als störend und belastend empfunden wird, hängt immer von mehreren Faktoren ab und ist teils „subjektiv", erklärt Christian Kaseß, Akustiker bei der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Je „schärfer" ein Ton jedoch in seinen Höhen verteilt ist, desto belastender wird er empfunden. Das wohl extremste Beispiel wäre hier die Lärmbelastung durch eine laufende Kreissäge. Laut, schrill in seinen Spitzen.

Fakt ist, dass ein immer größerer Teil der Bevölkerung sich in seiner Gesundheit von Lärm beeinträchtigt fühlt. Bei der jüngsten Mikrozensus-Befragung (Statistik Austria) gaben 38,7 % der Bevölkerung an, in ihrer Wohnung durch Lärm gestört zu sein. Bei den Belastungen ist der Verkehr noch immer vorne. Überraschend ist allerdings: Laut dem Arbeitsring für Lärmbekämpfung (ÖAL), der heuer sein 60-jähriges Bestehen feiert, hat die Belastung durch Nachbarschaftslärm in den letzten Jahren in Österreich stark zugenommen.

Während sich Wissenschafter nicht schwer damit tun, Lärm bis ins Detail zu charakterisieren, ist es bezüglich gesetzlichem Lärmschutz und Grenzwerten schwieriger. Nicht nur, weil die Kompetenzen im österreichischen Lärmrecht sehr unterschiedlich verteilt sind und es keine einheitlichen Grenzwerte gibt. Dass man zunehmend mehr den medizinischen Aspekt und damit neben Dezibel-Werten auch psychoakustische Maßeinheiten einfließen lässt, ist eine jüngere Entwicklung der letzten Jahre.

Auch wenn gesundheitliche Folgen von Lärm nicht nur an bestimmte Pegelwerte geknüpft werden können, gibt die WHO seit Kurzem strengere Werte zum Schutz der Gesundheit an: Im Schlaf sollte der Schallpegel im Raum unterhalb von 30 Dezibel liegen. Wird Lärm zur Dauerbelastung, wird dadurch nicht nur die Psyche krank, es gibt auch ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen, das mit zunehmendem Pegel und Wohndauer steigt. Interessanterweise belastet Lärm weniger, wenn man die Lärmquelle (z. B. Straße) nicht sieht. Generell gilt: „Man kann Lärm sehr genau und mit komplexen Verfahren untersuchen, aber es ist schwer, Grenzwerte zu definieren", sagt Kaseß. Dass es bei Lärmschutz immer bessere und neuere Möglichkeiten gibt, erklärt auch Prof. Holger Waubke vom Institut für Schallforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften: „An vielen Orten werden neue Lärmschutzwandtypen untersucht. Auch wir sind stark in das Thema involviert. Die Schweiz hat versucht, eine Lärmschutzwand zu entwickeln, die zugleich transparent ist und absorbierend wirkt. Diese wird gerade getestet." Durch die neue E-Mobilität werden künftig auch Autos leiser werden, hier werde man aber künstliche Geräuschlösungen (Sounddesign) — die angenehm klingen — andenken müssen, damit die Autos auch von Fußgängern gehört werden. Insgesamt wollen die Wissenschafter am 25. April die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit verstärkt auf das Thema Lärm lenken. Fazit: Der beste Lärmschutz ist, diesen zu vermeiden.

Infos zu Veranstaltungen: www.laerminfo.at>