Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 13.05.2018


Namibia

Die offenen Wunden Namibias

Namibische Opfergruppen und die Regierung fordern Anerkennung und Geld für den Völkermord, den deutsche Kolonialherren angeordnet haben.

© AFPDie Nachfahren der Herero kämpfen noch heute mit ihrer traumatischen Vergangenheit.



Die blutige Vergangenheit Deutschlands beschränkt sich nicht auf den Holocaust. Auch wenn die Geschehnisse davor vielen in Vergessenheit geraten sind: Die Zeit hat nicht alle Wunden geheilt, die deutsche Kolonialverbrecher bei den Stämmen der Herero und Nama in Namibia aufgerissen haben. Die Taktik des Aussitzens geht nicht auf. Ganz im Gegenteil.

Seit Jahrzehnten kämpfen die Hinterbliebenen der Opfer des ersten Völkermords im 20. Jahrhundert um die Anerkennung der Gräueltaten, die ihnen zwischen 1904 und 1908 von Deutschen angetan worden sind. Sie fordern eine Entschuldigung und Entschädigung.

In Deutsch-Südwestafrika ging das Kaiserreich erbarmungslos gegen Hereros und Nama vor. Nach einem Aufstand gegen die Kolonialherren, die den einheimischen Stämmen sukzessive Land und damit die Landwirtschaft als ihre Lebensgrundlage raubten, wurden 65.000 bis 85.000 Herero und Nama in Konzentrationslager getrieben, zu Zwangsarbeit verpflichtet, getötet. 80 Prozent der Herero-Angehörigen sollen so grausam ums Leben gekommen sein.

Ein Haus für einen Mörder

Hitler hat sich das Vorgehen des preußischen Offiziers Lothar von Trotha zum Vorbild genommen, der den Vernichtungsbefehl gegeben hatte. Bundeswehrstudenten gehen in Hamburg noch heute beim „Von Trotha-Haus" ein und aus. Deutschland tut sich schwer mit derAufarbeitung der Vergangenheit.

Dieser Umstand regt Hans Chris­tian Mahnke auf. „,Nie wieder', das Mantra nach der Shoah, ist eine Phrase. Man hat eben doch nichts gelernt", sagt der deutsche Politologe, der seit 2004 in Namibia lebt und mit einer Namibierin verheiratet ist. Die Haltung Deutschlands sei „anmaßend". Die „Täter schreiben den Opfern vor, wie eine Versöhnung auszusehen" habe und weigern sich, sich mit den Opfergruppen selbst an den Verhandlungstisch zu setzen. Diese haben sich Anwälte in New York gesucht, die ihre Anliegen nach Entschuldigung, Geld und der Rückgabe von nach Deutschland abtransportierter Herero-Schädel und Gebeine vertreten. Sie möchten auch Land zurück, auf dem seit dem Genozid Deutsche hocken.

Die namibische Regierung ihrerseits hat sich an Londoner Anwälte gewandt. Und Deutschland? „Die namibischen Erwartungen sind höher, als das, was Deutschland tun kann", sagte der Verhandlungsführer auf deutscher Seite, Ruprecht Polenz, der deutschen Presseagentur. Zudem habe die Bundesregierung zur Entwicklungshilfe ein „sehr substanzielles materielles Engagement" angeboten. Man fühle sich „moralisch verpflichtet", rechtlich aber nicht. Summen liegen keine auf dem Tisch.

Doppelmoral

Für Mahnke ist dies unbefriedigend, zumal ein Großteil der Entwicklungshilfegelder über Importe wieder nach Europa zurückfließen würden. Den Nachkommen der Ermordeten sei damit nicht geholfen. Deutschland messe gleich in mehreren Punkten mit zweierlei Maßen. Denn deutsche Farmer in Namibia hätten sehr wohl Entschädigung deutschen Staat erhalten.

Außerdem behauptet man, die Anerkennung von Genozid und Reparationszahlungen gemäß der UNO-Resolution von 1946 nicht rückwirkend anwenden zu können. Im Fall der Shoah stellte sich die Regierung nicht quer. Gegen den Widerstand der Türkei erkannten die Deutschen den Genozid in Armenien an. Beide Verbrechen datieren vor 1946. „Das ist ein Schlag ins Gesicht der Opfer", sagt Mahnke. „Man kann nicht ein Dach bauen, wenn es im Keller modert. Das Fundament muss schon auf festen Füßen stehen" — wenn man „Wehret den Anfängen" ernst nimmt.

Die Situation in Namibia macht es nicht leichter. Es gibt machtpolitische Abhängigkeiten. Das Geld liegt in weißen Händen, jenen der Nachfahren der Kolonialverbrecher. Diese sähen sich einerseits als Namibier. Andererseits, wenn es um Wiedergutmachung gehe, unterstützten sie aber die Verhandlungsposition der Deutschen. „Alle Namibier, ausgenommen die deutschen Siedler, litten unter der Kolonialherrschaft Deutschlands. Und alle sind als Kollektiv bis heute davon betroffen", sagt Mahnke. Er fragt sich, wie seine Tochter in einem Deutschland aufwachsen sollte, das die koloniale Vergangenheit banalisiert.

Schweres Erbe der Kolonialzeit

Äthiopien. Vor 150 Jahren haben britische Kolonialisten die Festung Magdala in Brand gesteckt und geplündert, sowie den Sohn des Kaisers entführt. Äthiopien fordert die Rückgabe der Artefakte und der Überreste des Prinzen Alemayehu.

eSwatini. Der absolute Monarch König Mswati III. (Bild) hat Swasiland im April zum 50.Jahrestag der Unabhängigkeit von Großbritannien in eSwatini — „Land der Swasi" — umbenannt. Ein Relikt aus der Kolonialzeit sei damit beseitigt.

Tansania. Auch in Deutsch-Ostafrika gingen Kolonialherren brutal gegen die Einheimischen vor. Kurz vor dem 100. Jahrestag des Endes der Kolonie sind Entschädigungsforderungen für die Regierung aber kein Thema.




Kommentieren


Schlagworte