Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 14.05.2018


Bezirk Landeck

Mit viel Einsatz zum unumstrittenen „Chef“

Kürzlich wurde Gottlieb Sailer verabschiedet. Er hat das Pflegeheim Grins nicht nur aufgebaut, er hat es auch geprägt wie kein anderer.

© ReichleKürzlich wurde Gottlieb Sailer verabschiedet. 22 Jahre stand er an der Spitze des Pflegeheims Grins.Foto: Reichle



Von Matthias Reichle

Grins, Kappl – Für die meisten Heimbewohner war er einfach nur der „Chef“. Andere, die ihn aus seiner Heimatgemeinde Kappl kannten, nannten ihn einfach „Göttali“. Gottlieb Sailer war von beidem etwas – ein Macher, aber keiner der unnahbaren Art.

„Einmal kam eine Bewohnerin in mein Büro, weil sie ihr Gebiss gesucht hat“, erinnert er sich an eine Episode seiner Karriere. Auf die Antwort, dass es hier doch unmöglich sein könne, hat sie trotzdem alle Kästen durchsucht – „weil sie schon einmal da war“, schwelgt Sailer in Erinnerunge­n.

Seit 1. Februar ist „der Chef“ nämlich offiziell kein Chef mehr. Sailer trat nach 22 Jahren als Heimleiter des Wohn- und Pflegeheims St. Josef in Grins und Geschäftsführer des Sozialsprengels den wohlverdienten Ruhestand an. Bereits im vergangenen Jahr übergab er das Amt seinem Nachfolger Christoph Heumader. Nun wurde er auch von den Bürgermeistern der Verbandsgemeinden verabschiedet.

800 Bewohner nahm er im Lauf seiner Karriere im Pflegeheim auf. Sein Beruf hatte auch Schattenseiten. „Es ist nicht immer einfach, wenn man an Heiligabend anrufen muss, um zu sagen, dass die Mutter gestorben ist. Da fehlen oft die Worte. Aber auch das gehört dazu“, erzählt er. Einmal sei Sailer vom Sprengelarzt zu einer alten Frau nach Langesthei geschickt worden, um zu sehen, ob sie nicht doch ins Pflegeheim müsste, erzählt er eine weitere Episode. „Am nächsten Tag sagte die Frau zum Arzt: ,Du Doktor, so schlecht bin i no nit, dass i s’Göttali brauch.‘“

Sailer war der erste „Bewohne­r“ des Pflegeheims St. Josef. Als er dort am 1. April 1996 mit einem Notizblock und einem kleinen Computer „einzog“, war die Einrichtung noch ein großer Rohbau. Erst am 1. Oktober folgte die erste richtige Heimbewohnerin.

Schnell war das Heim zu klein. 2001 wurde es um 14 betreute Wohneinheiten erweitert – damals ein Pionierprojekt – von 2007 bis 2009 folgte der Ausbau um 30 weitere Pflegebetten. „Wir haben uns immer bemüht zu helfen“ – und wenn Not am Mann war, habe man einfach zusätzlichen Platz geschaffen, erinnert der ehemalige Heimleiter.

Seinen Ruf als Autorität auf seinem Gebiet und echter Fachmann musste sich Sailer aber erst erarbeiten. Seine Karrierestart vor 22 Jahren verlief keineswegs reibungsfrei. „Gesetzeslücke sorgt für Unmut bei Bestellung von Heimleiter“ titelte die Tiroler Tageszeitung damals. Vorgeworfen wurde Sailer, dass er keine Erfahrung im Pflegebereich hatte. Diese Tatsache streitet er heute keineswegs ab und bezeichnet die Kritik als „verständlich“. Der gelernte Bau- und Kunstschlosser war neben seinem Lehrberuf als Baggerfahrer, im Gastgewerbe, bei der Seilbahn, im Tourismusverband und bei einer Versicherung tätig. „Es war nicht einfach für mich“, es galt vor allem, viel Aufbauarbeit zu leisten, erinnert er an die Anfänge. „Der Sprengel war davor nicht sehr aktiv.“

Seinen Erfolg verdanke er auch den Bürgermeistern, nicht zuletzt den beiden Obleuten des Pflegeverbands – den früheren, den Grinner Alt-BM Edi Ruetz, und den aktuellen, BM Thomas Lutz: „Ich hatte viele Entscheidungsfreiheiten und konnte dadurch auch viel bewegen.“

Eine seiner letzten Aufgaben – und zudem eine der schwierigsten – war mit seinem Nachfolger die Zusammenführung des Sozialsprengels mit dem Pflegeheimverband. Inzwischen ist Sailer nur noch Obmann des Pflegevereins Kappl, den er 1994 mitgegründet hatte. Alt-BM Ruetz ist heute überzeugt, damals den richtigen Mann eingestellt zu haben: „Der Erfolg hat uns Recht gegeben. Wir sind ja gebeutelt worden“, erinnert er an die anfänglichen Turbulenzen. Auch der aktuelle Pflegeverbandsobmann BM Lutz ist überzeugt, heute dank Sailer ein „Vorzeigeheim“ zu haben. Sailers Nachfolger wird nicht langweilig, steht doch die nächste Erweiterung des Heims um noch einmal 30 Betten ins Haus.




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