Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 16.05.2018


Exklusiv

Lehrerin in Tirol greift durch: Schüler vor die Tür gesetzt

Dass ein Volksschüler über Tage hinweg auf den Gang gesetzt wurde, sorgt bei der Mutter für Empörung. Die Direktorin verteidigt die zeitlich befristete „Ordnungsmaßnahme“.

© TTNur während „ohnehin selbstständiger Arbeits- und Übungsphasen“ sei der 10-Jährige vor die Klasse gesetzt worden, betont die Schulleitung. Dies sei im Interesse der anderen Schüler und erst als letztes Mittel erfolgt.



Von Michael Domanig

Innsbruck – Große Aufregung an einer kleinen Volksschule im Bezirk Innsbruck-Land: Die Mutter eines 10-jährigen Viertklässlers übt scharfe Kritik an pädagogischen Disziplinierungsmaßnahmen seitens der Klassenlehrerinnen.

Über zwei Schulwochen hinweg sei ihr Sohn mit der Bank vor die Klasse gesetzt worden, „mit dem Gesicht zur Wand“. Nur bei Erklärungen der Lehrerin habe ihn diese in den Raum geholt. Was die Mutter besonders stört: Sie sei von der Schule nicht über diese Maßnahme benachrichtigt worden. Nach mehreren „Streichen“ habe ihr Sohn vor einigen Wochen eine Strafarbeit aufbekommen, „und ich dachte, dass die Sache damit erledigt ist“. Erst vergangenen Dienstag, als sie ihn und andere Schüler zum Üben für die Fahrradprüfung brachte, habe sie aus den Gesprächen der Kinder zufällig erfahren, „dass mein Sohn seit zwei Wochen nicht mehr in der Klasse sitzt“. Er selbst habe ihr nicht davon erzählt.

Beim Elternsprechtag habe sie die Klassenlehrerin darauf angesprochen. „Es ist Aufgabe des Lehrpersonals, die Schüler richtig zu beschäftigen und zu ,derbandeln‘, dafür sind sie pädagogisch ausgebildet“, sagt die Mutter zur TT. „Kinder aus dem Unterricht abzuschieben, geht einfach nicht“, zumal ein schlechter Schüler dadurch erst recht zurückfalle. Die Schulleistungen ihres Sohnes hätten sich in dieser Phase weiter verschlechtert.

Die Mutter kontaktierte in der Folge auch den Pflichtschulinspektor: „Dieser hat mir versichert, dass solche Maßnahmen nicht zulässig sind, selbst wenn die Tür offen steht – und schon gar nicht über einen längeren Zeitraum.“

Die Volksschuldirektorin stellt die Ereignisse etwas anders dar: Der betreffende Bub sei „lustig und umgänglich, er kennt aber keine Grenzen“ und stifte viel Unruhe. Die Maßnahme sei nach drei gröberen Vorfällen erfolgt (u. a. soll der 10-Jährige eine Tür beschädigt und mit Steinen geworfen haben), Mitschüler hätten sich bedroht gefühlt. Man habe es als sinnvoll befunden, dem Schüler „die Bühne zu nehmen, damit der Rest der Kinder störungsfrei arbeiten kann“. Zuvor habe man schon alle zur Verfügung stehenden pädagogischen Mittel versucht. Ihm weitere Mehrarbeiten aufzugeben, habe die Lehrerin als kontraproduktiv empfunden, „weil das den Frust nur noch steigert“.

Der Bub sei bei offener Tür „auf Höhe der Lehrperson und der Tafel“ in den hellen Gang gesetzt worden, der sonst auch für Partnerarbeiten genützt werde. Dies sei nur in „ohnehin selbstständigen Arbeits- und Übungsphasen erfolgt“, bei Erklärungen und Erarbeitungen sei der Schüler in der Klasse dabei gewesen. Man habe ihn „keinesfalls“ ausgeschlossen, „er hatte dadurch keine Nachteile“. Zudem habe sich die Maßnahme nur über insgesamt sieben Schultage erstreckt.

In einem Brief habe man die Mutter im Zusammenhang mit der Strafarbeit darüber informiert, dass den Klassenlehrerinnen „weitere Maßnahmen vorbehalten“ seien. Die zeitlich beschränkte „Ordnungsmaßnahme“ habe man als „nicht so schwerwiegend empfunden, dass man dafür eine Elternzustimmung einholen müsste“. Wie die Mutter davon erfahren habe, sei aber sicher „ungünstig“ gewesen. Künftig werde man das – vergangenen Mittwoch beendete – Hinaussetzen auch nicht mehr machen, sondern wenn nötig „mit der Mutter weitere Maßnahmen finden“. Dazu habe man auch schon ein längeres Gespräch geführt.

Der zuständige Pflichtschul­inspektor Friedl Klingenschmid will zum konkreten Fall nichts sagen, er kenne die genauen Ereignisse nicht. Er könne nur auf die gesetzliche Lage verweisen: „Das Kind muss im Unterricht anwesend sein und so begleitet werden, dass es dem Unterricht vollinhaltlich folgen kann.“ Er habe versucht, ein Gespräch zwischen Mutter und Schule in die Wege zu leiten, „bei dem man das Ganze an einem Tisch ausdiskutiert. Und das ist meines Wissens ja auch erfolgt.“