Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 17.05.2018


Bezirk Landeck

Tiroler überlebte Kriegsende im Mai 1945 mit Glück

Der Künstler und Pädagoge Engelbert Gitterle aus Fließ/Urgen entging als 14-jähriger Bub nur knapp dem Tod. Seine Erinnerungen schrieb er auf.

© TT-ArchivEngelbert Gitterle aus Fließ/Urgen erinnert sich an dramatische Momente zu Ende des 2. Weltkrieges, die er als 14-Jähriger erlebt hatte.



Fließ, Urgen – Er hat sich als Pionier der Ganztagesschule und als Künstler einen Namen gemacht. Todesängste musste „Engl“ Gitterle als 14-Jähriger ausstehen. Der heute 87-Jährige die Szenen in einem Manuskript festgehalten, „damit sie der Nachwelt nicht verloren gehen“.

Auslöser für sein persönliches Drama Anfang Mai 1945 war ein Buch. „Mein schönes Nazi-Geschichtebuch“, wie er es zynisch bezeichnete. Das erste Selbstbildnis von Albrecht Dürer sowie der Kupferstich „Ritter, Tod und Teufel“ hatten ihn in dem Buch begeistert. „Dieses schöne Buch sollte mich in eine fatale Situation bringen. Ich las darin auch plumpe Nazi-Propaganda, über die Nordische Rasse und über Untermenschen.“

An einem Sonntagnachmittag habe er auf den leeren Seiten aufgeschrieben, was ihm in dem Buch nicht gefallen hatte. „Nur so für mich.“

Zu Kriegsende hatte seine Familie deutsche Soldaten einquartiert und versorgt. „Sie waren nett zu uns.“ Seine Notizen im Buch hatte er bereits vergessen. Weil es am 6. Mai abends nichts zu essen gab, ging der 14-Jährige früh zu Bett. „Mein leerer Magen rumorte, ich schlief schlecht.“ Gegen 3 Uhr weckten ihn seine Mutter und Schwester, beide waren „entsetzlich aufgeregt“. „Engl, was hast du da ins grüne Buch geschrieben? In der Küche sitzen dicke Nazi-Bonzen. Sie trinken Kaffee und essen Schokolade.“ Einer habe das grüne Buch gelesen und geschrien: „Wem gehört das Buch?“ „Ja halt dem Engl. Er schläft gerade“, habe die Mutter gesagt. „Sofort holen“, befahl der Bonze, „er wird an die Wand gestellt und erschossen. Er ist ein Verräter.“

Die Mutter erbleichte: „Er ist ja noch ein Kind.“ Doch die „Offiziersmeute“ habe Rache verlangt. Engl flüchtete durch ein Hinterzimmer in den felsigen Bergwald. Doch Hunger trieb ihn Stunden später zurück zum Haus. „Die Soldaten saßen schweigend am Tisch.“ Doch einer von ihnen schrie: „Da ist er.“ Sie packten ihn, zogen ihn in den oberen Stock auf den Balkon, „ein intimer Ort für eine Exekution“. Der Oberst habe dann erklärt, „ich sei noch zu klein für so einen bösen Aufsatz“. Das habe der Pfarrer diktiert. „Diese Pfaffen sollen hängen, wenn wir schon zur Hölle fahren“, brüllte der dicke Unteroffizier. „Ich verneinte einfach“, so Engl. „Er stürzte sich auf mich, hielt meinen Kopf in den Händen und schrie weiter.“

Plötzlich sei der Chef aufgesprungen: „Jetzt ist es genug.“ Die Uniformierten hätten die Blätter aus dem Buch gerissen und in den Küchenherd geworfen. (hwe)