Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 17.05.2018


Bezirk Reutte

Kinderbetreuung: Ehrwald leuchtet heraus

Erstmals außerfernweite Studie: Bruch in der Betreuung kommt mit dem Schuleintritt – Lücken stressen Eltern enorm. Abwanderung in kleinen Orten ist problematisch. Positives Fazit: Angebot schafft Nachfrage.

© Mittermayr HelmutGünther Salchner präsentierte Montag in der Arbeiterkammer Reutte, wie Außerferner Eltern zu nichtfamiliärer Kinderbetreuung stehen.Foto: Mittermayr



Von Helmut Mittermayr

Reutte – Ein Hofnarr hielt Montagabend in der Arbeiterkammer Reutte einen Vortrag. Zumindest bezeichnete er sich selbst als solcher. Günther Salchner hatte das Motiv des Schelms gewählt, um frei reden zu können, um ohne Schaden durch das ideologische Minenfeld der nichtfamiliären Kinderbetreuung zu kommen. Der Geschäftsführer der Regionalentwicklung präsentierte das Ergebnis einer von AK, AMS und REA initiierten Befragung zum Thema Kinderbetreuung im Außerfern. Der Rücklauf der von Eltern ausgefüllten Fragebögen war mit 945 so hoch, dass das Ergebnis für den Bezirk Reutte repräsentativ ist.

AK-Reutte-Leiterin Birgit Fasser-Heiß zeigte schon in ihrem Eingangsstatement auf, dass Kinderbetreuung extrem weitreichende gesellschaftliche Auswirkungen habe – von Altersarmut der Frauen bis etwa zur Verhinderung von Abwanderung. AMS-Chef Klaus Witting wies darauf hin, dass im Außerfern drei von fünf Frauen nach dem „Kinder-Gap“, also der Zeit des Daheimbleibens für die Betreuung des eigenen Nachwuchses, keinen ausbildungsadäquaten Job mehr finden. Bei De-facto-Vollbeschäftigung ohne Zuzug ins Außerfern müssten Unternehmen anders denken, forderte er, und Frauen ein besseres Angebot legen. Denn hier gebe es noch einen Markt für weitere Arbeitskräfte. So manche Firma in Tirol finanziert bereits Kinderbetreuungseinrichtungen mit.

Dass Abwanderung immer auch mit fehlender Infrastruktur (wie Kinderbetreuungsmöglichkeiten) zusammenhängt, sieht man laut Salchner an Kleingemeinden. Er brachte zwei dramatische Beispiele. Geht die Bevölkerung in Namlos weiterhin so zurück, wie seit 2003, dann wird der letzte Namloser 2036 das Dorf zusperren. Nicht viel besser Zöblen. Würde sich dort die Abwanderung linear wie seit 2009 fortsetzen, wäre der Ort 2046 menschenleer. Für Salchner übrigens keine reinen Rechenspiele. Das Ausrinnen kleiner Dörfer könne exponentiell zunehmen.

Der REA-Geschäftsführer zusammenfassend: „Angebot schafft Nachfrage. Dafür ist Ehrwald das herausragende Beispiel im Bezirk. Dort wurden schon früh vielfältigste Kinderbetreuungseinrichtungen geschaffen. Nirgendwo werden sie so stark angenommen, nirgendwo ist deren Stellenwert bei den Eltern derart hoch.“ Seine Empfehlung an Entscheidungsträger in Kommunen: nicht gleich aufgeben, wenn anfangs der Zuspruch überschaubar bleibt. „Es braucht Zeit, auch für die gesellschaftliche Akzeptanz.“ Ein Beispiel aus größeren Orten: An einem typischen Dienstagnachmittag haben 21,8 Prozent der Erziehungsberechtigten in Ehrwald ihre Kinder in einer Betreuungseinrichtung. In Reutte sind es 17,2 %, in Elbigenalp 6,7 % und in Tannheim 0,0 %. Überhaupt würden Ehrwald und Tannheim in den Antworten der Befragung diametral zueinander stehen. In Tannheim sei das Ansehen von Betreuungeinrichtungen nicht ausgeprägt, der Wunsch nach weiteren Angeboten aber schon. „Und daran wird in Tannheim auch intensiv gearbeitet“, ist „Hofnarr“ Salchner bemüht, die Gemeinde aus der Schusslinie zu nehmen. Gerade das Leuchtturmprojekt Ehrwald zeige aber, dass es sich um alles andere als Aufbewahrungsstätten handle und eine pädagogisch wertvolle Betreuung stattfinde.

Ehrwalds Bürgermeister Martin Hohenegg schilderte in der Runde noch einmal die intensiven jahrelangen Bemühungen seiner Kommune, die nun Früchte tragen würden, nannte aber auch eine Problemzone. „Bis zum Schul­eintritt funktioniert alles bestens, dann kommt der Bruch. Im Kindesalter von sechs bis zehn Jahren wird es beinhart. Hier fehlt jede Verlässlichkeit und Konstanz.“ Hohenegg weiter: „Und es kann nicht sein, dass hier der Bürgermeister oder die Gemeinde für alles zuständig sein soll.“ Auch andere Redner brachten Beispiele von absolut überforderten berufstätigen Eltern, wenn ihr Kind jeden Tag nach der Volksschule um 11.30 Uhr ohne Betreuung auf der Straße steht. Pflichtschulinspektorin Edith Müller sagte zu, dieser Problematik höchste Priorität einzuräumen.

Als besondere Chance für eine flexible, hochwertige, familienähnliche Kinderbetreuung wurde eine Berufsgruppe genannt, deren Image weit unter dem tatsächlichen Wert liege und die auch schwer unterbezahlt sei: die Tagesmutter. Nur zehn Frauen gehen im Bezirk Reutte aktuell dieser Tätigkeit nach. „Dabei wären Tagesmütter ideal, gerade in peripheren Gebieten, wo die kritische Masse für öffentliche Einrichtungen nicht erreicht wird“, sagt Salchner.