Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 17.05.2018


Bezirk Reutte

Freiwillig aktiv: Was soll schon passieren?

60 junge Leute machen in Tirol ein Freiwilliges Soziales Jahr. Einer ist Clemens Lubin. Er arbeitet in der Lebenshilfe.

© LebenshilfeWenn Clemens Lubin die Lebenshilfe-Klienten begleitet (im Bild beim Einkaufen), blühen diese geradezu auf.Foto: Lebenshilfe



Breitenwang – Eigentlich wollte Clemens Lubin studieren, doch dann brachte ihn ein Freund auf die Idee, ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) zu machen. „Viele meiner Freunde ziehen weg – da will ich nicht als Einziger zurückbleiben“, denkt sich der 19-Jährige und zieht kurzerhand von Augsburg nach Reutte.

Hier arbeitet er in einem Wohnhaus der Lebenshilfe. „Anfangs war es schon sehr ungewohnt, Menschen mit Behinderungen zu begleiten“, gesteht Clemens. Doch der herzliche Umgang miteinander habe ihm rasch geholfen, alle Berührungsängste zu überwinden. Bei Spaziergängen, beim Einkaufen, beim gemeinsamen Kochen oder der Unterstützung im Bad lernt er die Bewohner besser kennen. Und er spürt, wie sehr diese es schätzen, wenn er sich Zeit für sie nimmt.

24 Burschen und Mädchen leisten derzeit ein Freiwilliges Soziales Jahr in der Lebenshilfe Tirol. „Wir setzen seit 20 Jahren auf FSJler. Das Engagement dieser jungen Leute ist für uns sehr bereichernd“, meint Franz-Peter Witting, Regionalleiter der Lebenshilfe Reutte/Außerfern. Auch Werner Moosbrugger, derzeit Clemens’ Chef, ist begeistert: „Clemens bringt Pep ins Haus.“ Moosbrugger schätzt Freiwillige, die hier ihre Ideen einbringen und Zeit haben, sich den Wünschen der Bewohner zu widmen.

„Am liebsten begleite ich die Leute in ihrer Freizeit“, erklärt Clemens. Er macht Ausflüge, begleitet sie zum Schwimmen, besucht mit ihnen Musikveranstaltungen oder greift auch selbst einmal zur Gitarre. Dabei entdeckt er, dass Musizieren hilft, positive Entwicklungen anzustoßen. „Eine sonst recht schweigsame Frau blüht immer auf, wenn ich ihr Lieder aus ihrer Jugend vorspiele. Sie wird aktiver, singt mit und reagiert auch auf Fragen, die vorher unbeantwortet blieben. Solche kleinen Fortschritte mitzuerleben, bestätigen mich in meinem Einsatz“, erklärt Clemens, „und ich habe erkannt, dass die Welt der Klienten eine doch recht normale Sache ist. Ich bin heute flexibler im Umgang mit Situationen, die mich früher mehr gefordert hätten. Mein Motto: ‚Was soll schon passieren?‘“

Das Jahr in Reutte bedeutete für Clemens auch einen Abschied von Familie und Freunden. Und dennoch erklärt der junge Augsburger: „Ich bereue nichts.“ Sozialarbeiter will Clemens nach dem Jahr trotz vieler positiver Erfahrungen nicht werden: „Aber ich habe durch das Soziale Jahr eine Denkweise gelernt, die ich mir definitiv behalten werde.“ (TT, fasi)