Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 25.05.2018


Gesellschaft

Die Schützen und ihre Grenzen

Bewahrer der Traditionen oder nur Folklore? Das Bild der Schützen wird durchaus kontroversiell diskutiert. Auch über die Landesgrenzen hinaus gibt es Unterschiede.

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© Angela Dähling



Von Marco Witting

Innsbruck – Fritz Tiefenthaler ist kein aufbrausender Schützenkommandant. Das Laute ist nicht seines. Und wenn man ihn fragt, welches Signal von einem Treffen ausgeht, bei dem sich über 10.000 Teilnehmer aus der Alpenregion einfinden, dann sagt er nur: „Das Signal der Freundschaft. Ein Zeichen, wie gut man sich versteht.“ Doch wie sehen sich die Schützen im Jahre 2018? Wie ist die Fremdwahrnehmung? Und welche Unterschiede gibt es zwischen den Traditionsverbänden nördlich und südlich des Brenners? Der Versuch einer Annäherung.

Fritz Tiefenthaler wird fast philosophisch, wenn er zu den Unterschieden zwischen Nord- und Osttiroler Schützen gegenüber den Südtiroler Kollegen sagt: „Wir sind natürlich gleich. Aber auch wie Geschwister, die ganz unterschiedlich aufgewachsen sind.“ Während man sich bei den Südtirolern sehr stark politisch positioniere, sehr stark für die Volksgruppe einstehe, sieht der Landeskommandant des Bundeslands Tirol seine Schützen vor allem als „verbindendes Mitglied in der Bevölkerung“.

Geht es um kritische Stimmen, dann brauchen die Schützen nicht lange suchen. Sie seien „von gestern“ oder auch „im Sommer verkleidet“ sind nur ein paar Meldungen, die man landläufig dann hört. Je nachdem, wen man fragt. „Ja. So etwas gibt es natürlich. Wenn man als Verband so eine Ausrichtung hat und so ein Auftreten, dann muss man mit so etwas auch leben“, sagt Tiefenthaler. „Mit einer ernsthaften internen Diskussion und Kommunikation und einem Hinterfragen haben wir hier aber auch viel Positives bewegen können“, sagt Tiefenthaler mit Hinweis auf den Diskussionsprozess, den sich die Schützen im Vorjahr selbst auferlegt haben.

Ortswechsel. Sarnthein in Südtirol. Über 2000 Schützen feierten vor einigen Wochen 60 Jahre Südtiroler Schützenbund. Ehrenlandeskommandant Paul Bacher hielt die Festansprache – und forderte die Schützen auf, Widerstand gegen alle zersetzenden Zeiterscheinungen zu leisten, wo in Jahrhunderten gewachsene Werte immer mehr an Bedeutung verlieren und keine Rolle mehr spielen würden. Er sieht das Bild der Kompanien in der heutigen Zeit „generell positiv“. Und inzwischen sei auch die Einigkeit über die Grenzen hinaus gegeben. „Wir müssen politisch sein. Nicht parteipolitisch, aber politisch“, sagt Bacher. „Wenn man die Einheit des Landes oder eine Doppelstaatsbürgerschaft anstrebt, dann muss man sich einmischen.“

Doch wo sind die Schützen in 15 Jahren? „Hoffentlich vertreten sie immer noch unsere Werte“, sagt Bacher. „Ich glaube es aber schon.“ Und Tiefenthaler meint: „Ich glaub’, dass wir in der Zukunft noch mehr Zusammenarbeit in der Alpenregion sehen werden.“ Das Treffen in Mayrhofen soll jedenfalls ein wichtiger Höhepunkt dabei sein.

Günther Pallaver, Südtiroler Historiker und Politikwissenschafter von der Uni Innsbruck, sieht das Bild der Schützen prinzipiell pragmatisch: „In beiden Ländern sind es große Verbände, die als Interessenvertretung auftreten. Sie haben schon alleine wegen ihrer großen Mitgliederzahl und somit wegen ihres Wählerpotenzials politisches Gewicht.“ Gleichzeitig sieht er die Wahrnehmung „im Vergleich zu vergangenen Jahren fragmentierter“. Von einer ehemals breiten Akzeptanz lägen die Schützen heute im breiten Spektrum zwischen Pro und Contra, bis hin zu Indifferenz und folkloristischem Dekor. „In Südtirol werden die Schützen im Unterschied zu Nordtirol stark polarisiert wahrgenommen. Als eine schlagkräftige, sezessionistische Bewegung, die das Los von Rom vertritt.“ Die Nordtiroler Schützen seien nicht politisch – was in der Vergangenheit immer wieder zu Reibereien zwischen den beiden Schützenbünden geführt habe.

Der Zulauf zu den Schützen lasse vermuten, dass es diese auch noch in 15 Jahren geben wird, so sagt Pallaver. „Allerdings werden sie mit einem immer offeneren Widerspruch leben, da sie ein Bild der Heimat vertreten, das längst nicht mehr der sozialen Wirklichkeit entspricht und sich von ihrem Weltbild immer weiter entfernt“, erklärt der Wissenschafter.