Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 04.06.2018


Osttirol

Wiegenlied als Anti-Kriegerdenkmal

Mit ihrem Kunstprojekt „Bajuschki-baju“ will Katarina Schmidl an die Kosakentragödie von 1945 erinnern – vor allem an das Schicksal der Frauen und Kinder. Dabei bedient sie sich eines kosakischen Wiegenliedes.

© UnterwegerIngeborg Erhart (l.) und Katarina Schmidl vor der Informationstafel.



Von Peter Unterweger

Lienz – Die Kulturabteilung des Landes Tirol fördert jährlich Kunst im öffentlichen Raum: Heuer unterstützt sie unter anderem ein Projekt von Katarina Schmidl. Am Drauweg in der Peggetz in Lienz, nahe der Kosakenkirche, schrieb die Künstlerin die ersten Worte des kosakischen Wiegenliedes „Schlaf mein Kind, ich wieg dich leise, bajuschki-baju“ auf Deutsch und auf Russisch auf die Asphaltdecke des Radweges.

Eine Abordnung des Chores des BORG Lienz unter Leitung von Mathias Thum brachte den Teilnehmern am 2. Juni bei der Eröffnung des Kunstwerkes das beliebte russische Kinderlied in beiden Sprachen zu Gehör.

Der Gesang mischte sich mit dem Plätschern der Drau im Hintergrund. Am 1. Juni 1945 war der Fluss zum todbringenden Gewässer, zu einem Ort der Tragödie für viele Kosaken, auch Frauen und Kinder, geworden. Dieser Kontrast zwischen idyllischen Momenten und dem grausamen Tod beim Fluchtversuch oder selbstgewählten Freitod aus Angst vor der Rache Stalins inspirierte Katarina Schmidl zu ihrer künstlerischen Intervention.

Auf dem Drauradweg findet sich der Text des Wiegenliedes der Kosaken.
- Unterweger

Ingeborg Erhart, Leiterin der Tiroler Künstlerschaft, bezeichnete das Werk als stilles Denkmal für Frauen und Kinder. Es sei das Gegenteil eines Kriegerdenkmals. „Anders als üblich, leise und sehr sensibel“, analysierte sie die Arbeit der Künstlerin. Erhart wünschte sich, dass viele Menschen über das Kunstwerk am Boden „drüberstolpern“, sich den Text auf der Infotafel durchlesen und sich dann mit dem Thema ausei­nandersetzen.

Kunst im öffentlichen Raum soll Diskussionen auslösen. Genau das sei schon passiert, bemerkte Heidi Fast, die Leiterin der Stadtkultur Lienz. Auch die Frage, ob das Kunst sei, werde schon heftig und kontroversiell diskutiert. Jedenfalls sei die Frage der Fluchtbewegungen heute genauso aktuell wie damals, stellte Fast fest.

Harald Stadler von der Universität Innsbruck sah in der Ausweitung des Kosakenthemas auf künstlerisches Gebiet einen Impuls für die Forschung. In diesem Bereich sei noch viel zu tun, die bereits geknüpften guten Kontakte zu Kosakenfamilien seien dabei sehr hilfreich.

Die Künstlerin Katarina Schmidl stammt aus Heiligenblut und lebt in Wien. Geboren wurde sie 1973 in Lienz, hier besuchte sie auch das Gymnasium. An der Hochschule für angewandte Kunst in Wien studierte sie Bildhauerei und Design. Sie wurde mit namhaften Preisen ausgezeichnet und kann auf zahlreiche Ausstellungen verweisen.

Der BORG-Chor sang das Wiegenlied in zwei Sprachen.
- Unterweger

Mit Kunstwerken im öffentlichen Raum fand Schmidl schon mehrfach Beachtung: Eine Skulptur aus Kunststofffolien stellt die extreme Vergrößerung eines Teils des Gehirns dar, welches am Entstehen von Angst und Aggression beteiligt ist. Das mobile Kunstobjekt wurde an dicht frequentierten Orten in Wien, wie am Westbahnhof oder bei Märkten, platziert.