Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 10.06.2018


Exklusiv

Getrennte Väter fühlen sich im Stich gelassen

Im Falle einer Trennung wollen wenige Väter nur gelegentlicher Teilzeit-Papa sein. In den letzten Jahren wurden für von ihren Kindern getrennt lebende Männer zwar die Rechte gestärkt, viele sehen sich aber selbst bei gemeinsamer Obsorge im Nachteil.

© E+Ein guter Kontakt zu Kindern lässt sich im Falle einer Trennung nicht erzwingen, auch wenn rechtlich die Elternrechte von Vätern inzwischen anerkannt werden. Oft müssen diese warten. Foto: iStock



Innsbruck – Bis vor wenigen Jahren war es fast eine Art Automatismus, dass im Falle einer Scheidung (zumindest) jedes zweite Wochenende für Väter reserviert wurde. Meist dann, wenn die Kinder etwas größer waren. Bei kleineren Kindern gestaltete sich das Besuchsrecht schwieriger.

Viel mehr war für von ihren Kindern getrennt lebende Väter allerdings oft nicht drin – außer die Mutter zeigte Bereitschaft dafür. Mittlerweile sieht die aktuelle Gesetzeslage (siehe Kasten unten) die gemeinsame Obsorge als den Regelfall nach einer Scheidung vor.

„Auf diesen Fall einigen sich erfahrungsgemäß die allermeisten Eltern – auch immer mehr nicht verheiratete Paare, die Kinder haben“, erklärt Andreas Stutter, Vizepräsident und Mediensprecher des Landesgerichts Innsbruck. Damit, so denken viele, müsste selbst im Falle eines schwierigen Verhältnisses zwischen den Eltern alles klar sein.

Das stimmt laut Stutter aber nicht: Die größte Hürde sei nämlich, festzulegen, wo sich das Kind künftig – bei zwei getrennten Wohnsitzen – hauptsächlich aufhalten wird. „Den Eltern ist oft nicht klar, was die ,gemeinsame Obsorge‘ in der Realität bedeutet. Der nichtbetreuende Elternteil geht oft davon aus, dass er selbst den Aufenthaltsort des Kindes bestimmen und dieses jederzeit besuchen kann, was aber nicht richtig ist. Das Aufenthaltsbestimmungsrecht kommt nämlich dem hauptsächlich betreuenden Elternteil zu“, sagt Stutter dazu.

Deshalb sei auch die in jüngster Zeit viel zitierte „Doppelresidenz“ als mögliche Obsorge nicht ganz so einfach.

Fakt ist jedenfalls, dass die Mehrzahl der Väter einer Studie des Österreichischen Instituts für Familienforschung zufolge auch nach einer Trennung „aktiv“ am Leben ihrer Kinder teilhaben möchte. Und das mehr als nur jedes zweite Wochenende, wie Alexander Sandor weiß. Er ist Mitglied des Vereins vaterverbot.at, einer Anlaufstelle für Betroffene, die aber auch auf öffentlicher sowie politischer Ebene auf Missstände aufmerksam macht.

„Die Gesetze für mehr Beteiligung des Vaters am Leben seines Kindes nach einer Trennung wären ja teilweise schon gegeben, aber in der Realität schaut es anders aus.“ Trotz gemeinsamer Obsorge werde Männern z. B. oft monatelang der Kontakt zum Nachwuchs vorenthalten. „Bei den Behörden wird vielfach noch traditionell agiert und der Mutter Recht gegeben.“

Sandor kennt aber noch schlimmere Fälle, wo von Seiten der Frau ein haltloser Gewaltvorwurf ausgesprochen wird. „Das hat schlimmste Auswirkungen für den Mann. Mir ist jedoch kein Fall bekannt, in dem eine Frau wegen derartiger Verleumdung einmal zur Verantwortung gezogen worden ist.“

Irgendwann einmal, nach vielen Gängen zu Gericht und Jugendwohlfahrt, würden betroffene Väter oft auch resignieren: „Den Männern geht die Kraft aus, viele bekommen psychische Probleme“, sagt Sandor, der Psychologie studiert hat.

Eine andere Erfahrung hat man bei der Österreichischen Plattform für Alleinerziehende gemacht: Überall dort, wo sich Mütter und Väter Haushalt und Erziehung bereits in aufrechter Beziehung teilen, sei nach einer Trennung die Chance höher, dass sich beide weiterhin zu gleichen Teilen um das Kind kümmern.

Dann nämlich sei das Vertrauen der Mütter in die Vaterqualitäten höher. Damit es nach einer Trennung mit dem Kontakt zum Kind gut klappt, brauche es deshalb schon früher bessere Rahmenbedingungen – etwa dass es Männern einfacher gemacht werde, in Karenz zu gehen. Der Verein vaterverbot.at indes setzt u. a. auf mehr Bewusstseinsarbeit: „Väter sind für die Entwicklung eines Kindes unverzichtbar“, sagt Sandor. Zwar würde man in Kindergärten und Schulen das Fehlen männlicher Bezugspersonen kritisieren – „vielen Vätern wird die Möglichkeit zu ausreichendem Kontakt zum Kind aber erst gar nicht zugestanden“. (i.r., lipi)

Vatersein im Falle einer Trennung

Gemeinsame Obsorge. Seit 2013 kann die gemeinsame Obsorge für beide Elternteile vereinbart oder sogar vom Gericht angeordnet werden. Der Andrang hält sich in Tirol jedoch in Grenzen: 1602-mal wurde diese Form im Vorjahr beantragt und bewilligt, 1132-mal wurde sie gegen den Willen eines Elternteils verfügt.

Rund 85 Prozent der Scheidungen gehen laut Statistik Austria in Österreich einvernehmlich über die Bühne. Die durchschnittliche Dauer einer Ehe stieg von 7,7 Jahren (1981) auf mittlerweile 10,1 Jahre. Bei Eltern mit zwei Kindern (27,4 Prozent) steigt die Trennungsrate im Vergleich zu Ein-Kind-Familien um 2,3 Prozent.

B esuchsrecht. Selbst im Fall einer einvernehmlichen Scheidung kann der Streit um das Besuchsrecht zwischen den geschiedenen Ehepartnern noch zu einem heftigen Nachbeben führen. Es braucht auch ein Kontaktrecht. Dies funktioniert laut Angaben des Justizministeriums in den meisten Fällen aber nicht immer. Besuchsrechtsverfahren würden sich zu sehr in die Länge ziehen. Sie können mitunter von sechs Monaten bis zu über einem Jahr dauern.