Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 12.06.2018


Bezirk Landeck

Buch beleuchtet Anschluss im Bezirk Landeck

Landeck war arm – ein idealer Nährboden für den Nationalsozialismus. Der Landecker Historiker Roman Spiss hat die beklemmende Geschichte aufbereitet.

© WenzelBuchpräsentation in der Tyrolia Landeck: Horst Schreiber (l.) und Roman Spiss haben die Geschichte der Tiroler Bezirke im Anschlussjahr 1938 dokumentiert. Spiss befasste sich mit dem Bezirk Landeck.Foto: Wenzel



Landeck – Der Bezirk war bettelarm, die Arbeitslosigkeit hoch, die Wohnungsnot vor allem in Landeck-Zams erdrückend. Die Wirtschaft und der aufkeimende Tourismus der 1930er-Jahre litten unter Hitlers 1000-Mark-Sperre. „Drei Paznaunerinnen konnsch du auf’n Kopf stell’n, do follt koan Schilling außer“, soll ein Landecker Dentist seinem Sohn gesagt haben.

Die Lage im Bezirk in der Zeit vor dem Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland war beklemmend – in fast allen Lebensbereichen. Der aus Landeck stammende Historiker und Autor Roman Spiss hat die Geschichte des Bezirkes hervorragend aufbereitet und dargestellt. Er hat Zeitzeugen befragt und zahlreiche Originalquellen zitiert.

Nachzulesen ist sein 52-Seiten-Betrag im heuer erschienenen Buchband „1938 – der Anschluss in den Bezirken Tirol“, herausgegeben vom Historiker Horst Schreiber.

Beide Autoren waren kürzlich in der Landecker Buchhandlung Tyrolia zu Gast, um vor zahlreichen Interessierten über das dunkle Kapitel der Tiroler Zeitgeschichte zu referieren. „Die Unzufriedenheit in allen Teilen Tirols war groß, die Menschen hatten Existenzängste. Der NSDAP ist es gelungen, die Ängste zu kanalisieren und sich als Retter anzupreisen“, fasste Schreiber zusammen.

Zum Bezirk Landeck zeigt Spiss auf: „Die Mutter eines Zeitzeugen, die einen kleinen Textilladen betrieb, verkaufte an manchen Tagen nur eine Nähnadel. Die einzige Verkäuferin musste sie entlassen.“ Die Diagnose des Historikers: „Die Weltwirtschaft hat den Bezirk voll erfasst, Geld war kaum vorhanden.“

Damit sei die Radikalisierung begünstigt worden, die NSDAP gewann immer mehr Zulauf. „Viele Anhänger fanden sich im Turnverein Jahn ein. Innerhalb dieses Vereins bildete sich ein Turnerwehrzug, auf den die Anfänge des Nationalsozialismus in Bezirk Landeck zurückreichen.“ Bei der sogenannten „Volksabstimmung“ am 10. April 1938 lag der Bezirk mit 99,4 Prozent für den Anschluss über dem Tiroler Durchschnitt. Am geringsten war die Zustimmung in Grins mit 97,8 Prozent, dahinter folgten Flirsch und Schönwies. (hwe)