Letztes Update am Do, 14.06.2018 06:54

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tirol

„Trauer ist immer in Bewegung und bleibt ein Teil des Lebens“

Nachdem ihre Schwester Larissa ermordet wurde, musste die Tirolerin Katrin Biber lernen, mit ihrer Trauer umzugehen. Sie hat ein Konzept daraus gemacht und hilft mittlerweile anderen Trauernden, durch Sport und Bewegung wieder Kraft zu schöpfen.

Katrin Biber hat erkannt, dass sie ihrer Trauer gar nicht davonlaufen will. Sie musste aber lernen, damit umzugehen. Heute gibt sie ihr Wissen weiter.

© SeelensportKatrin Biber hat erkannt, dass sie ihrer Trauer gar nicht davonlaufen will. Sie musste aber lernen, damit umzugehen. Heute gibt sie ihr Wissen weiter.



Innsbruck – Angst. Mit der Trauer um ihre geliebte Schwester Larissa, die im September 2013 von ihrem Freund ermordet wurde, schleicht sich auch dieses panikartige Gefühl in Katrin Bibers Leben. Angst, den Tod ihrer Seelenverwandten nicht überleben zu können, Angst vor dem nächsten Tag, vor der Dunkelheit, vor unbekannten Männern, davor, dass noch jemand stirbt. Die Angst ist immer da, Tag und Nacht, und begleitet sie als eines von vielen Gefühlen, die der gebürtigen Reuttenerin in ihrer Trauer begegnen.

Gleichzeitig wird sie nach Larissas Tod aber auch mit der Angst der anderen konfrontiert: Die sich fürchten, mit ihr zu reden, weil sie dadurch in Tränen ausbrechen könnte. Die Angst vor ihrem Lachen haben, weil das nicht zum Trauern passt. Die ihr aus dem Weg gehen, weil sie den eigenen Schmerz nicht aushalten. Katrin Biber muss auf schmerzliche Weise lernen, dass Trauer in unser Gesellschaft nicht viel zu suchen hat, es scheint, als habe man regelrecht Angst vor ihr.

Sport hilft mit Trauer umzugehen

Zunächst versucht die heute 32-Jährige, sich unterzuordnen, zu funktionieren und all ihre Trauer zu unterdrücken. Doch da zeigt ihr der eigene Körper die Grenzen auf: Unverträglichkeiten, Allergien, Haarausfall, Schlaflosigkeit sind die Folge. Um nicht am körperlichen und seelischen Druck zu zerbrechen, sucht Katrin nach einem Ausweg: Sie entdeckt den Sport als Ventil, das ihr dabei hilft, mit ihrer Trauer um Larissa umzugehen. Gleichzeitig ist das aber auch die Initialzündung, die in Katrins Leben alles auf den Kopf stellt. „Ich habe gemerkt, dass ich auch anderen helfen wollte, durch Bewegung und Sport mit ihrem Verlust umzugehen“, schildert die Tirolerin.

Vor genau einem Jahr startet sie deshalb – nach einer Ausbildung zur Personal-, Gesundheits- und Functionaltrainerin und Einführungskursen zur Trauerbegleitung – ihr Herzensprojekt „Seelensport“. Und es ist, als hätte sie eine Tür geöffnet, vor der sich bereits eine lange Warteschlange angesammelt hat. Ihr Trainingskonzept für Trauernde schlägt ein, wie eine Bombe: „Es ist so viel passiert im letzten Jahr, ich bin einfach nur dankbar, dass es so geklappt hat, wie ich mir das vorgestellt habe“, freut sie sich im Gespräch. Neben Einzel- und Gruppentrainings ist Katrin längst nicht mehr nur in Tirol unterwegs. Sie wird für Messen, Workshops und Vorträge gebucht, vor allem in Deutschland stößt ihr Angebot auf großes Interesse. „In Tirol sind die Berührungsängste noch etwas größer, habe ich das Gefühl. In Deutschland, vor allem im Norden, sind die Leute schon offener im Umgang mit ihrer Trauer.“

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Vor Kurzem hat die 32-Jährige bei der Messe "Leben und Tod 2018" in Bremen ausgestellt.
Vor Kurzem hat die 32-Jährige bei der Messe "Leben und Tod 2018" in Bremen ausgestellt.
- Seelensport

TV-Serie, Buch, Seelenlauf

Wenn es nach der Tirolerin geht, soll sich das aber auch hierzulande ändern. „Ich möchte so viel Aufklärung machen, wie es nur geht“, erklärt sie ambitioniert und die Pläne sprudeln nur so aus ihr heraus. So denkt sie schon darüber nach, ihr „Seelensport“-Konzept auszubauen, damit es auch andere Trainer anbieten können. Das Interesse daran ist enorm. Ein Buch über ihre Erfahrungen liegt bereits bei einem Verlag, ein zweites ist in Vorbereitung. Außerdem ist die lebenslustige junge Frau ab heute, Donnerstag, um 18.30 Uhr in ihrer eigenen Beitragsreihe auf Tirol TV zu sehen. Jeden zweiten Donnerstag spricht sie dabei über den Umgang mit Trauer, über Erfahrungen und Besonderheiten in der Gesellschaft.

Ebenfalls noch im Juni geht sie zum zweiten Mal ein weiteres Herzensprojekt an: Am 20. Juni 2018 findet anlässlich Larissas 26. Geburtstag der „2. Seelenlauf“ statt. Für jedes Jahr einen Kilometer, für jeden Kilometer mehr Aufmerksamkeit für die Themen Trauer und Gewalt an Frauen. „Der Lauf soll vor allem zeigen, dass Trauer in Bewegung ist und immer ein Teil des Lebens bleibt. Sie bleibt nicht plötzlich stehen und endet.“

Mit ihrem Herzensprojekt "Seelensport" ist Katrin im vergangenen Jahr so richtig durchgestartet.
Mit ihrem Herzensprojekt "Seelensport" ist Katrin im vergangenen Jahr so richtig durchgestartet.
- Seelensport

Katrin hat gelernt, dass die Trauer nicht einfach weggehen wird, sie wird immer da sein, ein Teil ihres Lachens, ihres Weines, ihrer Wut und – ja – auch ihrer Angst bleiben. Die ist nämlich auch immer noch da, wenn auch nicht immer gleich stark. „Vor allem, wenn ich meine Sportklamotten anhabe, dann fühle ich mich stärker, das hat mir einen großen Teil der Angst genommen. Das ist meine Ritterrüstung“, erzählt sie lachend. „Aber das ist genau das, worum es mir geht: Es geht nicht darum, die Gefühle der Trauer wegzubekommen. Es geht darum, dass man lernt, mit ihnen umzugehen.“

Seelenlauf 2018

Der erste Seelenlauf wurde am 20. Juni 2017 veranstaltet. An diesem Tag hätte Katrins Schwester Larissa ihren 25. Geburtstag gefeiert. Spontan hat Katrin, die zu diesem Zeitpunkt gerade ihr Projekt „Seelensport“ gestartet hatte, beschlossen, für jedes Lebensjahr ihrer Schwester einen Kilometer zu laufen. Dabei wurde sie von Trauernden, Freunden und Bekannten unterstützt, die sie auf diesem Lauf begleitet haben.

Heuer findet der 2. Seelenlauf statt. Der Startpunkt für die 26 Kilometer ist um 7.30 Uhr bei der New Orleans Brücke. Wer nicht die gesamte Runde mitlaufen will, kann auch unterwegs einsteigen. Startpunkt für die Zehn-Kilometer-Runde ist die Holzbrücke beim Medicent (um ca. 10 Uhr). Für die letzten fünf Kilometer ist der Startpunkt bei der Mühlauer Brücke (gegen 10.45 Uhr). Endpunkt wird die Stelle sein, wo Larissa nach ihrer Ermordung in den Inn getragen wurde. Die Teilnahme ist unverbindlich und kostenlos, Anmeldungen sind unter www.seelensport.at/seelenlauf-2018 möglich.

Wer nicht mitlaufen will oder kann, kann Katrin und ihre Aktion auch mit Kniebeugen unterstützen. Wie im Vorjahr wird zeitgleich die Aktion „26 Kniebeugen“ durchgeführt. Zwischen 6 Uhr Früh und 24 Uhr können Follower 26 Kniebeugen in Form eines Fotos oder Videos auf einem frei wählbaren Social Media Account (Facebook, Twitter, Instagram) posten. Mit den Hashtags #seelensport #bewegtetrauer #gegengewaltanfrauen und #seelenlauf2018 kann die Aufmerksamkeit auf die Themen Trauer und Gewalt an Frauen erhöht werden.