Letztes Update am Fr, 15.06.2018 15:19

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Studie

Teurer Schulerfolg: Eltern zahlen in Tirol 6,2 Millionen für Nachhilfe

Mehr als ein Fünftel der Kinder und Jugendlichen in Tirol braucht Nachhilfe. Vor allem in der Volksschule ist der Bedarf gestiegen.

Ein Fünftel aller Schulkinder in Österreich benötigt bereits in der Volksschule Nachhilfe. Das sind mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr.

© iStockphotoEin Fünftel aller Schulkinder in Österreich benötigt bereits in der Volksschule Nachhilfe. Das sind mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr.



Innsbruck – Die Zahlen rund um die Nachhilfe haben sich in Tirol auf hohem Niveau eingependelt: Rund 10.000 der insgesamt 83.000 Tiroler Schüler erhielten seit Ende des letzten Schuljahres bezahlte Nachhilfe. Für 4000 Kinder und Jugendliche wurde Nachhilfe ohne Bezahlung organisiert, weitere 4000 hätten zwar gern Nachhilfe gehabt, diese war für die Familien aber meist nicht leistbar. Der meiste Bedarf besteht weiter im Fach Mathematik.

So lautet das Fazit einer aktuellen Studie in Tirol, die vom Institut für empirische Sozialforschung (IFES) im Auftrag der Arbeiterkammer österreichweit durchgeführt wurde. Rund 3300 Haushalte mit 5000 Schulkindern wurden im März und April befragt.

Jeder sechste Schüler erhält Nachhilfe

Schulerfolg ohne Nachhilfeunterricht? Das ist für viele Familien kaum noch vorstellbar. So wurde im ablaufenden Schuljahr 2017/18 inklusive der vorangegangenen Sommerferien für 14.000 der insgesamt 83.000 Tiroler Schüler (16,9 Prozent) Nachhilfeunterricht organisiert: Rund 10.000 (12 Prozent) erhielten bezahlte, weitere 4.000 (4,82 Prozent) unbezahlte Lernhilfe.

Ursache für diesen Anstieg von 15 Prozent (2016/17) auf 16,9 Prozent war laut den Autoren der Studie offenbar die vermehrte Nutzung einer so genannten „Gratisnachhilfe“, von der Eltern berichteten. Damit sind intensive schulische Förderkurse gemeint, und auch die erstmalige Einbeziehung von Online-Nachhilfe (2 Prozent).

Rechnet man jene 4000 Schüler hinzu, die Unterstützung beim Lernen bräuchten, diese aber für die Familien nicht leistbar war, so war Nachhilfe sogar für 18.000 Tiroler Kinder und Jugendliche (21,7 Prozent) notwendig.

Eltern zahlten im Schnitt 620 Euro pro Schüler

Im Schnitt gaben betroffene Eltern in Tirol pro Schüler 620 Euro für Nachhilfe aus, etwas weniger als im Österreichschnitt von 640 Euro. Tirolweit ergaben sich Kosten von 6,2 Millionen Euro, österreichweit von 94 Millionen Euro.

50 Prozent aller Tiroler Eltern, die für Nachhilfe zahlen, sind dadurch finanziell sehr beziehungsweise spürbar belastet, wie die Studie außerdem ergab. Zu einem relativ hohen Anteil seien Familien betroffen, die sich dies von ihren finanziellen Ressourcen her am wenigsten leisten können.

Nach Schulformen zahlten die Eltern für Nachhilfe im laufenden Schuljahr sowie im letzten Sommer im bundesweiten Schnitt 600 Euro für Schüler von BMS, BHS oder Neuer Mittelschule, 630 Euro für Volksschüler, 660 Euro für Schüler der AHS-Unterstufe sowie 770 Euro und damit am meisten für Schüler der AHS-Oberstufe.

Als Nachhilfelehrer wurden in Tirol in diesem Jahr zu etwas höheren Anteilen Studenten, nämlich um 5 Prozent mehr als im letztes Jahr, engagiert (27 Prozent). Zurückgegangen ist das zumeist teurere Engagement von Lehrern (28 Prozent) und Lern-Instituten (24 Prozent). Auch bundesweit habe es hier Verschiebungen in Richtung einer kostengünstigeren Nachhilfe gegeben.

10.000 Schüler erhalten Nachhilfe in Mathe

Was die verschiedenen Fächer angeht, ist Nachhilfe wie in den letzten Jahren vor allem in Mathematik nötig. Insgesamt erhielten in Tirol in diesem Schuljahr und im Sommer davor rund 10.000 Schüler Mathematik-Nachhilfe, 3.500 in einer Fremdsprache und 3.300 in Deutsch.

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Von jenen, die Mathematik-Nachhilfe hatten, bekam jeweils ein Fünftel auch Nachhilfe in Deutsch oder in einer Fremdsprache. Und umgekehrt: Von jenen, die Deutsch-Nachhilfe erhielten, hatte jedes zweite Kind auch Nachhilfe in Mathematik.

In Tirol hatten von Schülern mit Nachhilfe 70 Prozent diese in nur einem Fach, 30 Prozent in zwei oder mehr Fächern. Bundesweit sieht es praktisch gleich aus (69 versus 31 Prozent).

Eltern helfen beim Lernen

Zusätzlich zur externen Nachhilfe stehen die Eltern beim Lernen auf Abruf: Ein weiteres Ergebnis der Studie zeigt, dass drei von zehn Tiroler Schulkindern fast täglich eine Lernaufsicht durch ihre Eltern benötigen. Bei über 40 Prozent ist dies zumindest zwei bis drei Mal in der Woche nötig. Im Vergleich mit älteren Studien ist der Unterstützungsbedarf aktuell angestiegen. Dazu findet es ein Viertel dieser Eltern fachlich schwierig, bei den Hausaufgaben und beim Lernen ausreichend Hilfe zu leisten. Über 40 Prozent der betroffenen Eltern gaben wiederum an, dadurch zeitlich belastet zu sein.

Nachhilfe schon ab der Volksschule

Die bundesweite Auswertung ergab, dass bereits ein Fünftel aller Volksschulkinder Nachhilfe erhält – inklusive der schulischen Gratisnachhilfe, die vor allem in Deutsch nötig sei. Bundesweit hat sich damit der Anteil der Volksschulkinder, die Nachhilfe bekommen, gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelt: AK-Bildungsexpertin Elke Larcher führte dies bei einer Pressekonferenz am Freitag auf Ankündigungen im Regierungsprogramm zu Änderungen bei der AHS-Aufnahme und verpflichtender Ziffernnotengebung zurück. Auch in Tirol hat die Nachhilfe für die Kleinsten zugenommen, wenn auch etwas weniger stark: Elf Prozent der Volksschulkinder gehen zur gratis Nachhilfe, sieben Prozent zur bezahlten.

AK-Präsident Zangerl: „Politik ist gefordert“

Bei der Pressekonferenz am Freitag betonte Larcher auch, dass Nachhilfe durch bildungspolitische Maßnahmen zurückgedrängt werden könne. So liege der Nachhilfebedarf an verschränkten Ganztagsschulen geringer, gleiches gelte für Schulen, die regelmäßigen Förderunterricht anbieten. Dementsprechend fordert die AK einen beschleunigten Ausbau von Ganztagsschulen mit einem Fokus auf die verschränkten Form mit Wechsel aus Unterricht, Freizeit und Lernzeit. Außerdem müsse der Besuch einer Ganztagsschule beitragsfrei werden, so AK-Präsidentin Renate Anderl. Bei den Schulen brauche es außerdem einen Bewusstseinswandel. Derzeit gebe man oft den Eltern die Schuld, wenn ihre Kinder den Anschluss in den Schule verpassen. „Die Schulen sollen die Verantwortung für den Lernerfolg der Kinder auf sich nehmen.“ Auch der Präsident der AK Tirol, Erwin Zangerl, hält den großen Nachhilfebedarf, den der Schulunterricht produziere, für „nicht nachvollziehbar“. Die AK hätte „ein Bündel an Maßnahmen ausgearbeitet, mit denen die Situation kurzfristig und dennoch nachhaltig verbessert werden könnte.“ Mit der Umsetzung sei die Politik am Zug. (TT.com)