Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 29.06.2018


Exklusiv

Scheinbushaltestelle für Demenzkranke in Oberndorf

Die Pflegeleitung erhofft sich, dass die „Wanderer“ unter den Bewohnern den Bereich um das Heim nicht mehr so oft verlassen.

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© Michael Mader



Von Michael Mader

Oberndorf i. T. – Direkt vor dem Wohn- und Pflegeheim in Oberndorf gibt es seit gut einer Woche eine Bushaltestelle. So mancher, der hier einen Angehörigen besucht, wird sich gewundert haben. Bus hält hier nämlich nie einer. Es handelt sich um keine echte Bushaltestelle, sondern um eine so genannte Scheinbushaltestelle, die in der Betreuung bzw. Pflege von Demenzkranken eingesetzt wird.

„Wir erhoffen uns davon, dass die ,Wanderer‘ etwas ruhiger werden und den Bereich um das Heim nicht mehr so oft verlassen“, heißt es dazu seitens des Wohn- und Pflegeheims. Sogar ein fiktiver Plan mit Busverbindungen ist ausgehängt.

Pflegedienstleiterin Tanja Halbig zitiert aus einem Wikipedia-Eintrag: Menschen, die an Demenz erkrankt sind, haben oft Störungen des Kurzzeitgedächtnisses und leben mit fortschreitender Erkrankung häufig mehr und mehr in der Vergangenheit. Sie wollen in die alte vertraute Umgebung zurückkehren oder alten Ritualen folgen. Deswegen sind sie unruhig und suchen eine Haltestelle auf, um auf den nächsten Bus zu warten, im festen Glauben, dass er sie von diesem Ort weg nach Hause bringt. Oft würde dem jeweiligen Heimbewohner nur eine kurze Verweildauer an der Haltestelle reichen, bis er den Grund für seine Reiseabsicht vergessen hat.

„Das Heim ist im Blickfeld. Wir hoffen, dass unsere Weggeh-Gefährdeten dann zurückgehen. Dadurch soll bei ihnen nicht nur das Gefühl der Sicherheit geweckt werden, sondern wir erwarten, dass auch der Druck des Nichtankommens verloren geht“, wünscht sich Halbig.

Neu ist die Idee allerdings nicht: Die Pflegedienstleiterin weiß, dass zum Teil auch Geschäfte und ganze Dörfer für Demenzkranke nachgebaut werden.

Wie die Scheinbushaltestelle in Oberndorf angenommen wird bzw. ob sich dadurch Erfolge in der Betreuung der an Demenz erkrankten Personen ergeben, kann Halbig noch nicht sagen. Dafür sei es noch zu früh, die Haltestelle gebe es ja erst seit Kurzem. Einige der Bewohner hätten sie aber schon „begutachtet“. Halbigs Kollegen aus dem Pflegebereich hätten mit Scheinbushaltestellen unterschiedliche Erfahrungen gemacht.

Wissenschaftliche Untersuchungen zur Wirksamkeit gibt es angeblich noch nicht, dafür aber schon Kritik.

Unter anderem meint der Medizinische Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen, eine deutsche Pflegefachorganisation: Wenn der Bus nicht kommt, würde gefragt, wann der Bus endlich komme, und der Kranke werde eher nervös als ruhig.