Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 09.07.2018


Bezirk Schwaz

Zwei Jäger mit großem Herz für kleine Rehkitze

Das „Kitzsuchen“ ist am Fügenberg zur Tradition geworden. Die Jäger lassen ihr Gewehr zu Hause und retten Jungtiere vor den Mähmaschinen.

© Mauracher



Von Eva-Maria Fankhauser

Fügenberg – Schweißperlen stehen ihnen auf der Stirn. Schritt für Schritt steigen sie durch das hüfthohe Gras. Der Atem geht schwer im steilen Gelände. Der Blick ist konzentriert. Sie wollen nichts übersehen. Es geht um Leben oder Tod. Die beiden Jäger Alexander und Hubert Mauracher sind aber nicht auf der Pirsch. Im Gegenteil. Sie wollen kleinen Rehkitzen das Leben retten.

Ab Mitte Mai herrscht bei den beiden Fügenberger Jägern Hochsaison. Denn dann beginnen die Bauern mit der ersten Heumahd. Zugleich ist das hohe Gras ein beliebter Ort für die Rehgeißen, um ihre Jungen dort zur Welt zu bringen. Es ist ein gefährlicher Ort. Denn die kleinen Kitze sind mitten im Grün kaum zu sehen und kommen daher viel zu oft in die Mähmaschine. „Das wollen wir verhindern“, sagt Hubert Mauracher. Seit vielen Jahren bietet er den Bauern am Fügenberg seine Hilfe an. Ehrenamtlich durchstreift er dann mit seinem Sohn Alexander oder anderen Helfern die Felder, die gemäht werden sollen.

„Es ist eine sehr zeitintensive Aufgabe und auch anstrengend. Man muss sich voll konzentrieren, sonst übersieht man ein Tier“, sagt Mauracher. „Wir haben mit allen Bauern am Fügenberg guten Kontakt, der fürs Kitzsuchen unbedingt notwendig ist“, erklärt Mauracher und sagt weiter: „Denn kein Bauer hat Lust, die zerfetzten Körper aus dem Mähwerk zu klauben.“

„Ich bin froh, dass er immer zur Stelle ist und nach den Kitzen sucht. Das ist wirklich eine super Sache“, sagt Thomas Fankhauser vom Kopbichl-Hof am Fügenberg.

Oft wird er kurzfristig angerufen, denn je nach Witterung müssen die Bauern spontan reagieren und die Wiesen mähen. „Manchmal sind wir von der Früh bis am späten Abend auf den Beinen und am Ende des Tages fix und fertig“, erzählt Mauracher. Aber die harte Arbeit lohne sich. Jedes gefundene Kitz ist ein lebendes Kitz.

Meter für Meter durchkämmen sie die Felder. „Wir kennen mittlerweile die Regionen, wo die Rehgeißen gerne ihren Nachwuchs bekommen“, erklärt der Jäger. Wenn ein Jungtier gefunden wird, bringen es die Kitzsucher in einem Graskorb in den angrenzenden Wald und lassen es wieder frei. „Manchmal retten wir ein und dasselbe Tier dreimal aus drei verschiedenen Feldern“, erzählt Mauracher. Die kleinen Rehe flüchten nämlich gerne wieder ins hohe Gras.

Heuer hat er mit seinen Helfern bereits 18 Kitze gefunden. „In den letzten Jahren waren es sicher bis zu 180 Kitze, die wir so retten konnten“, sagt Mauracher. Früher sei er von anderen Jägern oder Bauern belächelt worden. Aber er sei eben ein Tierliebhaber und habe keine ruhige Minute, wenn er wisse, dass die Bauern ihre Mähmaschinen anwerfen.

Manche Tiere versieht Mauracher auch mit einer Ohrmarke, damit er ihren weiteren Lebenslauf verfolgen kann. Er hofft, dass sich in der Jägerschaft noch viele Nachahmer finden. „Das wäre sehr schön“, sagt er.