Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 11.07.2018


Exklusiv

Studenten und der psychische Druck: ,,Konnte nicht mehr schlafen“

Etwa 40 Prozent der Studenten haben psychische Probleme. Diese Zahl nimmt zu, sagt Christian Schöpf von der psychologischen Studierendenberatung der Uni Innsbruck.

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Innsbruck – Irgendwann ging nichts mehr bei Sophie Schütze (Name geändert). „Ich konnte nicht mehr schlafen, hatte keine Energie mehr“, sagt die Frau Ende 20, die an der Universität Innsbruck derzeit ihren Master macht. Ein ganzes Semester habe sie so verbracht, erzählt die Deutsche, war ausgebrannt, psychisch schwer belastet – bis sie sich endlich dazu entschied, sich Hilfe zu holen.

So wie Sophie Schütze geht es vielen Studenten. „Circa 40 Prozent haben psychische Probleme. Meistens sind es Depressionen und Ängste, etwa vor Prüfungen oder der Zeit nach dem Studium“, glaubt Christian Schöpf, Leiter der psychologischen Studierendenberatung der Universität Innsbruck. „Und seit dem Bologna-Prozess steigt diese Zahl an. Alles ist sehr leistungsorientiert. Das Konkurrenzdenken enorm. Das führt auch vermehrt zu Einzelgängertum.“

Die Leitung der Innsbrucker Universität ist sich der zunehmenden Problematik durchaus bewusst, betont Bernhard Fügenschuh, Vizerektor für Lehre und Studierende: „Auch, dass es unsere Nachwuchswissenschafter betrifft.“ Neben den offiziellen Anlaufstellen sei man auch dabei, ein System an internen freiwilligen Ombudsleuten zu installieren, um „ein Netzwerk zu entwickeln, das im Bedarfsfall entsprechende Hilfestellung bietet“, sagt Fügenschuh.

Christian Schöpf hingegen kritisiert, dass „die Politik derzeit lieber in Recht und Ordnung anstatt in Beratung investiert“. Auf mehr als 26.000 Studenten kämen bloß 4,5 Vollzeitstellen. „Zu wenig, um alle Anfragen zu bearbeiten“, sagt der Leiter der Studierendenberatung. Die Kriterien, um einen Termin bei der Beratungsstelle zu bekommen, sind streng, 440 Studenten bekamen im vergangenen Jahr eine Beratung, viele mussten an externe Psychologen verwiesen werden.

Sophie Schütze war eine jener, die einen der heißbegehrten Plätze zugesprochen bekam. Ein ganzes Jahr lang hatte sie regelmäßig Therapie-Sitzungen bei der Studierendenberatung, 30 Stunden insgesamt. „Ich kann das Angebot uneingeschränkt weiterempfehlen. Jetzt bin ich wieder der Mensch, der ich vor meinen Problemen war.“ (bfk)