Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 15.07.2018


Gesellschaft

Wenn das ferne Thailand näher ist als das Mittelmeer

Zwölf in einer thailändischen Höhle eingeschlossene Buben erregen mehr Aufmerksamkeit als Hunderte tote Migranten im Mitterlmeer. Warum ist das so?

© dpa



Von Serdar Sahin

Wien – Zwölf Buben und ihr Fußballtrainer waren mehr als zwei Wochen in einer thailändischen Höhle eingeschlossen. In einer gefährlichen Aktion konnten sie schließlich gerettet werden. Tagelang dominierten die Jungen die Schlagzeilen – Bilder gingen um die Welt. Ihre Rettung sorgte weltweit für Erleichterung.

Gleichzeitig sind allein im Juni fast 700 Migranten – darunter viele Kinder – beim Versuch, über das Mittelmeer nach Europa zu flüchten, ertrunken. Das hat weniger Aufsehen erregt. Warum ist das so? Berührt uns das Schicksal von zwölf Buben im fernen Thailand mehr als Hunderte tote Migranten vor der Küste Europas?

Der deutsche Politikwissenschafter und Armutsforscher Christoph Butterwegge hat folgende Erklärung dafür: Er sieht zwei Gruppen, „die in unserer kapitalistisch-marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaft nicht anerkannt sind“: die Armen und die Migranten – vor allem die Fluchtmigranten. „Diese beiden Gruppen sieht man in erster Linie als Belastung und Bedrohung.“ Das gelte für die Jungen in Thailand nicht, erklärt Butterwegge im Gespräch mit der Tiroler Tageszeitung. „Die sind nämlich gesellschaftlich anerkannt.“ Was Empathie und Mitgefühl angeht, hätten sie als Kinder und Jugendliche sogar noch einen besonderen Sympathiebonus.

„Die Schiffbrüchigen auf dem Mittelmeer sind arme Migranten. Sie haben praktisch zwei Ausschlusskriterien, was die Empathie der hiesigen Bürger betrifft. Die Gesellschaft, also die westliche als potenzielles Aufnahmeland, wehrt sie eher ab – und sieht sie negativ. Sie werden als ,Asylschmarotzer‘ bezeichnet und sozial ausgegrenzt.“

Butterwegge stellt fest, dass die Sprache in diesem Zusammenhang immer mehr verroht. „Wenn verantwortliche Minister aus Bayern von ,Asyltourismus‘ und einer ,Anti-Abschiebe-Industrie‘ sprechen, dann zeigt das deutlich, wie sehr gegen Flüchtlinge Stimmung gemacht wird. Mit solchen Gruppen, gegen die in der Gesellschaft zum Teil auf Stammtischniveau gehetzt wird, solidarisiert man sich einfach nicht. Die werden ausgegrenzt. Und wenn sie im Mittelmeer sterben, wird das ignoriert, weil man sie eben negativ konnotiert.“

Vor den Kindern in Thailand „hat man auch keine Angst, weil die uns ja auch nichts kosten, wenn sie aus der Höhle gerettet werden. Aber die Flüchtlinge im Mittelmeer kommen, wenn sie nicht ertrinken, zu uns und wandern ,in die Sozialsysteme‘ ein, wie allenthalben behauptet wird.“ Für Butterwegge ist das die Sichtweise, „die von den verantwortlichen Politikern und etablierten Parteien mehr und mehr ins Alltagsbewusstsein transportiert wird. Da spielen rassistische Ressentiments eine Rolle.“

Die österreichische Soziologin Edit Schlaffer erinnert sich an Aylan Kurdi. Die Leiche des dreijährigen Buben aus Syrien war im September 2015 an die türkische Küste angespült worden. Seine Familie hatte versucht, das Mittelmeer in einem Boot zu überqueren. „Sobald eine Geschichte personalisiert ist und wir ein Gesicht dazu haben, gibt es ein Echo.“ Das Problem sei nicht, „dass wir abgehärtet sind“, sagt Schlaffer. „Wir sind mit diesen Geschichten nicht mehr in dem Ausmaß konfrontiert. Die ertrinkenden Kinder sind abstrakt, sie werden nicht mehr gezeigt.“

Die Bilder der Buben in Thailand hätten zudem eine Identifikationskraft. „Wir zitterten mit ihnen und ihren Familien.“ Auf psychologischer Ebene gebe es einen sehr starken emotionalen Bezug, erklärt die Soziologin. „Bei den Ertrinkenden läuft ein Subtext. Die Schiffe mit Migranten werden zum Teil als Bedrohung gesehen. Die Bilder umgeben ein Klima der Angst. Und wir versuchen jetzt, diese Bilder auszublenden.“ Das sei „extrem problematisch“, befindet Schlaffer. „Es ist eine Verleugnung, eine Wegschiebung – dafür gibt es viele psychologische Begriffe.“ Sie findet das zwar bestürzend, wie sie sagt, aber unüblich sei das nicht. „Auch bei den Chibok-Mädchen in Nigeria, die 2014 von Islamisten verschleppt worden waren, haben wir die Geschichten gelesen und die Bilder gesehen.“ Heute interessiere sich kein Mensch mehr dafür. „Sobald die (medialen) Scheinwerfer aus sind, ist es vorbei. Die Burschen haben diesen Scheinwerfer erlebt, aber diese Geschichte ist auch vorbei.“

Ein Foto von der Höhlenrettung in Thailand, die weltweit im Zentrum der Berichterstattung stand.
- AFP