Letztes Update am Sa, 14.07.2018 17:21

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


EXKLUSIV

Frauen, die wie ihre Großmütter leben

In keinem anderen Wohlfahrtsstaat sind Frauen so lange in Teilzeit oder bleiben der Arbeit so lange fern wie in Österreich, sagt Sozialforscher Bernd Marin. Der Staat kann die niedrigen Pensionen nicht kompensieren.

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In Österreich liegt die durchschnittliche Frauenpension um 41 Prozent unter jener der Männer. Ist das im EU-Vergleich ein besonders schlechter Wert?

Bernd Marin: Ja. In Österreich ist die Kluft im EU-Vergleich besonders hoch. Sie variiert auch stark zwischen den Generationen. Frauen, die heute in Pension sind, beziehen meist nicht einmal die Hälfte der Pension von uns Männern. Bei späteren Jahrgängen bis zu den um 1990 Geborenen hat sich der Unterschied an Kontoansprüchen sehr stark verkleinert, während er jetzt wieder größer wird. Aber bisher lag der höchste Kontowert bei 871 Euro und noch nie über der Armutsgrenze. Selbst bei den bislang für Frauen günstigsten Jahrgängen, geboren um 1987, als die Lücke am geringsten war, ist das durchaus noch nicht absehbar.

Woran liegt das, dass die jungen Frauen stärker nachhinken?

Prof. Bernd Marin, im Rahmen des Raiffeisen Pensionssymposium am 3. Mai 2006 in London.
- APA

Marin: Die jungen Frauen leiden stärker darunter, dass sie so massenhaft nur noch Teilzeit arbeiten.

Die Frauen bleiben also zu lange in Teilzeit?

Marin: Ja, viele bleiben sogar lebenslang in Teilzeit oder behalten die Teilzeit nach der ersten Babypause bei. Das war lange Zeit im akademischen Milieu sehr verbreitet, dass Frauen bei ihren Männern in der Notariatskanzlei oder in der Ordination quasi nur noch pro forma geringfügig beschäftigt waren. Das war vor der Umstellung des Pensionssystems kein Problem.

Sie meinen, dass seit 2003 nicht mehr die besten 15 Jahre zur Berechnung herangezogen werden, sondern ein lebenslanger Durchrechnungszeitraum gilt.

Marin: Im alten Pensionssystem konnten Sie als langjährig geringfügig Beschäftigte mit 15 sehr guten Jahren bis zum Vierfachen an Pension herausholen, als Sie eingezahlt hatten oder als einfach kontinuierliche Arbeitnehmerin erhielten. Das geht jetzt nicht mehr. Das System ist dadurch fairer geworden. Jemand, der lange regelmäßig gearbeitet hat, bekommt damit auch bessere Pensionen. Frauen wurden im Pensionssystem zwar besser gestellt, indem man die Kinderersatzzeiten besser berücksichtigt hat, auch das eingeführte Pensionssplitting könnte helfen, würde es angenommen. Aber insgesamt kann die lange Durchrechnung für wenige früher enorm privilegierte Frauen wie Teilzeitakademikerinnen durchaus auch problematisch werden.

Das Pensionssplitting, wo also der erwerbstätige Elternteil Teile seiner Pension auf den Partner überträgt, wird in Österreich nicht angenommen. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Marin: Die Pensionsversicherung bewirbt es nicht. Weil sie das sehr viel Geld kosten würde, wenn von den kurzlebigeren Männern zu den langlebigeren Frauen umverteilt werden würde. Den Familien würde es helfen, weil es das Familien­einkommen insgesamt er­höhen würde. Vom Pensionssplitting machen nur wenige aufgeklärte und vertrauensvolle Leute Gebrauch, die anderen wissen gar nicht, dass es so etwas gibt, oder trauen ihrer Partnerin nicht.

Was machen die anderen EU-Nationen besser, warum stehen da die Frauen besser da?

Marin: Ehrlich gesagt, darüber habe ich in meinem vorletzten Buch ein paar hundert Seiten geschrieben, das ist sehr komplex und lässt sich so schnell nicht beantworten. Aber verkürzt gesagt hängt das mit einem sehr traditionellen Rollenverständnis zusammen. Wir sind eine recht altmodische Gesellschaft. Wenn Kinder kommen, bleibt in 99 von 100 Fällen sofort die Frau zu Hause und nicht der Mann oder beide gleichermaßen. Die Pflegetätigkeit bleibt ebenso an den Frauen hängen, oft unbezahlt und unbedankt. Da hängen so viele Sachen dran. Insgesamt sind wir keine Arbeitsgesellschaft. Die Frau macht in vielen Fällen nur den Zuverdienst und hat kein wirklich selbstständiges Einkommen. Unterm Strich bleibt dann halt, dass der Pensions-Gap so groß ist.

Österreich liegt auch beim Einkommensunterschied im EU-Vergleich weit hinten. Da schlägt sich auch der Branchenmix und der hohe Anteil an Teilzeitarbeit nieder.

Marin: Das ist der erklärbare Teil des Einkommensunterschieds. Aber die nackte Diskriminierung, wo also Frauen nur aufgrund des Geschlechts schlechter bezahlt und weniger gefördert werden, liegt in Österreich bei 17 Prozent. Das ist ein sehr hoher Wert. Der Gender-Pay-Gap insgesamt ist der zweithöchste in der gesamten EU. Nur eine der baltischen Republiken liegt noch schlechter. Wir sind einfach eine sehr traditionalistische Gesellschaft.

60 Prozent der Frauen in Österreich arbeiten Teilzeit und riskieren damit, im Alter zu verarmen, wenn sie nicht anders oder über ihren Partner vorsorgen. Kann einen so hohen Anteil an Armutsgefährdeten der Staat noch auffangen?

Marin: Das kann der Staat nicht auffangen. Man muss den jungen Frauen die Wahrheit sagen: Ihr könnt nicht ohne schwerwiegende Folgen jahrelang gar nicht oder bloß Teilzeit arbeiten. Denn wenn ihr das Lebensmodell eurer Mütter und Großmütter übernehmt, dann kommt ihr in der Pension selbst bei optimalen Bedingungen, sprich Frauen bekämen die gleiche Bezahlung wie Männer, niemals über die Armutsgrenze hinaus.

Aber glauben Sie nicht, dass die Erwartungshaltung vieler ist, dass der Staat einspringen wird?

Marin: Wenn Sie lange gar nicht oder in Teilzeit arbeiten, dann liegt Ihre Pension unter der Armutsschwelle. Das ist so auch in den höchstentwickelten Wohlfahrtsstaaten. Sie werden keinen Wohlfahrtsstaat, weder in Skandinavien noch sonstwo, finden, wo Frauen so lange weg von einem Beruf oder einer Vollzeitbeschäftigung bleiben wie in Österreich. Der Staat springt nur unter gewissen Bedingungen ein und auch das nur bis zu rund 800 bis 900 Euro. Es gibt keine bedingungslose, individuelle Grundsicherung, in Österreich im Gegensatz zu anderen EU-Ländern nicht einmal im Alter.

Frauen sollen künftig bis 65 Jahre arbeiten. Ist das nicht sehr an der Realität vorbei?

Marin: Es gibt kein Land in der EU, das so spät das Pensionsantrittsalter von Frauen anheben wird wie Österreich, nämlich bis 2033. Sie werden auf der Welt keine Ökonomin, keine Feministin oder Wissenschafterin finden, die ein unterschiedliches Pensionsantrittsalter für richtig hält. Frauen leben länger, das allein ist bei gleichem Pensionsalter die größte Umverteilung von Männern zu Frauen.

Das Gespräch führte Anita Heubacher