Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 09.08.2018


Exklusiv

Lärm, Alkohol, Drogen: Soziale Einrichtungen im Visier der Anrainer

Nicht nur der Szene-Treff vor dem Z6 verärgert die Nachbarn. Auch in der Kapuzinergasse und in der Mentlgasse häufen sich die Beschwerden.

© Thomas Boehm / TTDie Mentlgasse in Innsbruck ist mittlerweile ein Treffpunkt für soziale Randgruppen. Sehr zum Ärger der Anrainer, die den unerwünschten Szene-Treff am Rand der Alkohol-Verbotszone wieder loswerden wollen.Foto: Böhm



Von Thomas Hörmann und Benedikt Mair

Innsbruck — Der Schatten, den das Pfarrhaus der Dreiheiligenkirche in Pradl an diesem Dienstagnachmittag spendet, verschafft nur wenig Abkühlung. Aber nicht nur die Temperaturen weit über 30 Grad sorgen für eine aufgeheizte Stimmung in der Menschentraube, die sich um Innsbrucks Bürgermeister Georg Willi, seinen Stellvertreter Franz Gruber und die Vertreter von Stadtmagistrat und Polizei gebildet hat.

Zwei Konfliktparteien stehen sich gegenüber. „Und wir sind hier, um ihnen zuzuhören und daraus Maßnahmen abzuleiten", sagt Willi, der den Mediator mimt. Auf der einen Seite die Anrainer, die genug haben vom Lärm, der ihnen, wie sie beklagen, Nacht für Nacht den Schlaf raubt. Auf der anderen die Verantwortlichen des Jugendzentrums Z6, die genug haben von den Anschuldigungen gegen ihre Einrichtung. Am Ende des Treffens haben beide Seiten für ihre Sache argumentiert, die Repräsentanten der Stadtpolitik Lösungen vorgeschlagen. Wirklich zuversichtlich wirkt keiner.

Das traditionsreiche Jugendzentrum in der Dreiheiligenstraße ist aber nicht die einzige Einrichtung, die ins Visier von erbosten Anrainern geraten ist. Auch die Mentlvilla, eine Betreuungsstätte für Drogenkranke in Wilten, und die Teestube in der Kapuzinergasse (für Obdachlose) waren am Dienstag weitere Stationen des Lokalaugenscheins. In allen drei Fällen ging es aber weniger um die Einrichtungen per se als um das Treiben davor. „Bei uns häufen sich die Beschwerden", bestätigt auch die Innsbrucker Polizei. „Meist geht es um Lärm, Alkoholkonsum, Drogengeschäfte, Streitereien untereinander und das Anpöbeln von Passanten", sagt ein Beamter. Wie durchgesickert ist, bastelt die Innsbrucker Polizeiführung bereits an Strategien, um die Versammlungen vor den drei Einrichtungen möglichst schnell aufzulösen. Etwa durch regelmäßige Streifenfahrten, verstärkte Kontrollen, Anzeigen (Lärmerregung, Anstandsverletzung) etc. Bei Nichtbezahlung der Geldbußen könnten Aufenthalte im Polizeigefängnis drohen. Ein durchaus wirksames Mittel, wie zuletzt die Ausdünnung der Innsbrucker Bettlerszene gezeigt hat.

Werner Schreyer, Leiter der Mentlvilla, betont, dass es „gar nicht um unsere Klienten geht". Sondern um Leute, die sich vor der Drogeneinrichtung in der Mentlgasse nahezu täglich treffen. „Manchmal sind es nur zehn, manchmal auch 40 und mehr, die hierherkommen", weiß Schreyer: „Wir sind auch nur Anrainer und daher selbst Betroffene."

Dass der Südosten von Wilten und der nahe Pechepark zuletzt zum sozialen Brennpunkt wurden, ist nach Ansicht Schreyers auch eine Folge der Politik: „Die Leute, die sich jetzt hier treffen, waren früher am Bahnhof oder in der Innenstadt." Dort sei jetzt eine riesige Alkohol-Verbotszone. „Und die endet genau in unserer Gegend", sagt der Leiter der Mentlvilla. „Früher sind die Leute über die Innenstadt verteilt gewesen und sind weniger aufgefallen. Jetzt ballen sie sich dort zusammen, wo der Alkoholkonsum noch erlaubt ist."

So auch in der Kapuzinergasse: Der breite Schottergehsteig gegenüber der Teestube gilt mittlerweile ebenfalls als sozialer Brennpunkt, gegen den immer mehr Anrainer Sturm laufen. Waren es früher vor allem ein paar einheimische Obdachlose, die auf den Parkbänken ihr Dosenbier schlürften, „so hat sich das seit 2015 geändert", sagt ein Polizeibeamter: „Jetzt sind es deutlich mehr Personen, die mit der Teestube nichts zu tun haben. Einheimische befinden sich kaum noch darunter." Eine erste Maßnahme gegen den unerwünschten Szene-Treff ist angeblich bereits beschlossene Sache: Um dem schattigen Plätzchen etwas die Gemütlichkeit zu nehmen, sollen die Parkbänke entfernt werden.

Mentlvilla-Chef Werner Schreyer hat durchaus Verständnis für die Anliegen der Anrainer. Er stellt aber auch fest, dass die „Beschwerden zunehmen. Das Klima in der Gesellschaft wird rauer."