Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 10.09.2018


Innsbruck-Land

Katastrophal gute Nachbarn: Vom Lärm aus Schlaf gerissen

Der Supermarkt gleich nebenan: Wer möchte da nicht Anrainer sein? Anders verhält sich die Situation, wenn die Ware noch zu nachtschlafender Zeit geliefert wird. Ein Nachbar wehrt sich.

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Von Michaela S. Paulmichl

Wattens – „An eine Nachtruhe oder Durchschlafen ist nicht zu denken.“ In einem Schreiben an die Gewerbebehörde der Bezirkshauptmannschaft Innsbruck macht ein Wattener auf die unzumutbare Lärmbelästigung durch nächtliche Warenlieferungen an den benachbarten Supermarkt aufmerksam. Eine von der Behörde bewilligte Ausdehnung der früher zulässigen Lieferzeiten während der Marktöffnungszeiten auf den nun geltenden Zeitraum zwischen 5 und 24 Uhr habe den „schon bisher grenzwertigen Lärmpegel“ enorm ansteigen lassen. So genannte Frischedienstlieferungen leicht verderblicher Lebensmittel mit kurzer Haltbarkeitsfrist wie Milchprodukte oder Fleisch können rund um die Uhr zugestellt werden.

Was den lärmgeplagten Anrainer des Billa-Marktes, der sich auch hilfesuchend an das Ombudsteam der Tiroler Tageszeitung gewandt hatte, besonders wurmt: „Wie ich herausfand, wurde nur ein so genanntes verkürztes Verfahren durchgeführt, Anrainer werden dabei nicht einbezogen.“ Die Art und Weise, wie die Sache von der Gewerbebehörde abgewickelt worden sei, „dass ich dadurch keine Möglichkeit hatte, gegen den Bescheid Einspruch zu erheben, ist eine Katastrophe für mich!“

So erfuhr er überhaupt erst viel später von den Änderungen – von Billa selbst, als die Situation für ihn unerträglich wurde und er mit dem Unternehmen Kontakt aufnahm. Der zuständige Regionalmanager zeigte sich entgegenkommend und sicherte Anlieferungen erst ab 5.30 Uhr zu. Vom Ombudsteam telefonisch darauf angesprochen, reagierte er allerdings unerwartet und den Schilderungen des Nachbarn zufolge auch völlig untragbar. Dieser bekam kurz darauf einen Anruf. „Er hat mir gesagt, dass das so nicht gehe und mir gedroht, andere Seiten aufzuziehen und sogar darauf zu bestehen, dass die Waren schon um 5 Uhr geliefert werden“, berichtet der Nachbar, noch schockiert über das Verhalten des Regionalmanagers.

Darauf angesprochen, meint Susanne Moser-Guntschnig, Pressesprecherin Rewe International AG, nur: „Wir weisen jede Anschuldigung in diesem Zusammenhang entschieden zurück.“ Sie beruft sich auf die Kommunikation zwischen Billa und dem Anrainer „in einem Bemühen um eine für alle Parteien gute Lösung“. „Als Zeichen guter Nachbarschaft hat Billa daher freiwillig die Frischedienstanlieferungen auf den Zeitraum zwischen 5 und 24 Uhr beschränkt.“ Nach den Möglichkeiten befragt, auf die Nachbarn Rücksicht zu nehmen, winkt die Konzernsprecherin ab: „Selbstverständlich verstehen wir, dass Anlieferungen irritieren können und nehmen die Sorgen der Anrainer sehr ernst. Wir reizen alle Möglichkeiten aus, um auch den Wünschen der Anrainer bestmöglich entsprechen zu können.“ Durch die freiwillige Einschränkung der Anlieferzeit habe man aber bereits Schritte gesetzt.

Schließlich heißt es aus Wiener Neudorf noch: „Es darf jedoch nicht vergessen werden, dass es die Hauptaufgabe von Billa ist, unseren Kunden das beste Angebot für die tägliche Versorgung anzubieten. Unsere Kunden legen Wert auf eine breite Produktpalette und die Verfügbarkeit von frischen Lebensmitteln auch in der Früh.“ Der Markt öffnet um 7.15 Uhr.

TT-Ombudsmann Klaus Lugger spricht sich in diesem Zusammenhang für eine Sensibilisierung zum Thema Lärm in der Nachbarschaft aus und für mehr gegenseitige Rücksichtsnahme. „Jeder ist gefordert, nicht nur die Behörde.“ Diese plant nach der Erhebung der tatsächlichen Anlieferzeiten – laut Rewe von 5 bis 6 Uhr und von 19 Uhr bis Mitternacht – eine Lärmmessung durch den gewerbetechnischen Amtssachverständigen. Das Ergebnis dieser Umgebungslärmbeurteilung könne dazu führen, dass „allenfalls eingeschränkte Zeiten vorgeschrieben werden können“.

„Andere Märkte schaffen es auch ab 6 Uhr“, sagt Gewerbeamtsleiterin Knitel über Mitbewerber, die ihre Logistik entsprechend abstimmen, um Bedenken von Seiten der Nachbarn zuvorzukommen. Weitere Möglichkeiten sind bauliche Maßnahmen wie eine Einhausung oder Lärmschutzwand. Häufiges Problem neben den Anlieferzeiten sind auch die laufenden Aggregate der Kühleinheiten oder die so genannten Rückverwarner, die durch ein lautes Piepsgeräusch verhindern, dass ein Lkw beim Rückwärtsfahren an ein Hindernis stößt.

In Wattens beanstandet der Nachbar außerdem, dass der in der ursprünglichen Genehmigung angeführte Passus, der Parkplatz müsse außerhalb der Öffnungszeiten geschlossen sein, in der neuen Fassung nicht mehr enthalten sei. Die Folge davon: Motorsportler haben den Platz als Testgelände entdeckt.

Gesundheitsbeeinträchtigungen durch Lärm

Laut Definition des Österreichischen Arbeitsrings für Lärmbekämpfung (ÖAL) ist Lärm ein Stressor, der sowohl als Einzelfaktor als auch in Kombination mit anderen Umweltnoxen in Erscheinung tritt. Lärm erhöht über die Beeinträchtigung der Befindlichkeit das Risiko für Gesundheitsstörungen und trägt dadurch auch wesentlich zum Entstehen von Überlastungssyndromen bei.

Eine Noxe – „Schaden“ – ist laut Wikipedia ein Stoff oder Umstand, der eine schädigende, pathogene (d. h. krankheitserzeugende) Wirkung auf einen Organismus oder auf ein Körperorgan ausübt. Der Begriff wird vor allem in der Medizin verwendet. Im weiteren Sinn versteht man unter einer „Noxe“ jede Art einer gefährdenden und potenziell schädlichen Substanz, wie Umweltgifte, schädigenden Einfluss wie Lärm oder Stress.

Laut Richtlinie des ÖAL fängt der Tag um 6 Uhr morgens an und dauert bis 19 Uhr.