Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 07.09.2018


Bezirk Landeck

„Patronin“ in Unterhöfe-Kapelle wehrte Blitze ab

Eine Puppe aus Leinen schlummerte 250 Jahre unter dem Glockenstuhl der Landecker Unterhöfe-Kapelle. Die kleine „Hüterin“ soll zum Blitzschutz installiert worden sein.

© WenzelDie Unterhöfe-Kapelle.



Von Helmut Wenzel

Landeck – Viel Holz lagert vor den Häusern der etwas entlegenen Hangsiedlung Unterhöfe in Landeck/Perfuchsberg. Der Dorfbrunnen plätschert, die frisch renovierte Kapelle fällt ins Auge.

Blick in das sakrale Kleinod.
- Wenzel
Die Puppe, gefertigt aus grobem Leinen, wurde bei Renovierungsarbeiten unter dem Glockenstuhl der Unterhöfe-Kapelle entdeckt.
- Wachter

Ein unerwarteter Fund in der Kapelle lässt aufhorchen. Markus Lenz, Bewohner der Unterhöfe, wunderte sich, als er im Juni eine Puppenfigur aus groben Leinenstoffen in den Händen hielt. „War das Ding das Spielzeug eines kleinen Mädchens? Wie kommt die Puppe unter den Glockenstuhl der Kapelle?“, fragte er sich. Doch niemand in der Siedlung konnte das Rätsel lösen. Schließlich kontaktierten Lenz und sein Kollege Edi Stubenböck jun. vom Renovierungsteam das Tiroler Volkskunstmuseum. Der Chef selbst, Karl C. Berger, nahm die Puppe unter die Lupe.

Der Experte kommt zu einem erstaunlichen Befund: „Es könnte sich um ein so genanntes Reliquienbündel handeln, das bewusst als Blitzschutz abgelagert worden ist. Im Inneren der Puppe, möglicherweise im Kopf des Knäuels, könnten sich kleine heilige Gegenstände verbergen.“ Die Verarbeitung und die Nähte sind, so Berger, „sehr einfach und eher grob ausgeführt“.

Man könne vermuten, dass es sich um ein Spielzeug eines kleinen Mädchens gehandelt hat. Die Herstellungsart der Textilien erlaube jedoch keinen exakten Schluss auf das Alter. „Doch die ungewöhnliche Fundsituation macht die Puppe zu etwas Außergewöhnlichem“, resümiert der Innsbrucker Museumsleiter und stellt fest: „Sie wurde einst in dieser Kapelle unter dem Dach während des Baus im Jahr 1768 deponiert.“ Anna Engl, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Volkskunstmuseum, wertet die Leinenpuppe „als tirolweit einzigartigen Fund“. Dass es Objekte bzw. Artefakte zum Blitzschutz gebe, sei sehr wohl bekannt. „Wir haben die Landecker Puppe nicht geöffnet. Weil die Gefahr einer Beschädigung groß ist“, erläuterte Engl am Donnerstag.

Lenz und Stubenböck haben die kleine „Patronin der Blitzabwehr“ inzwischen in eine Glasvitrine gebettet. Diese wird kommenden Sonntag, 9. September, im Rahmen der Feier zum Abschluss der Renovierungsarbeiten erstmals öffentlich gezeigt. Der Gottesdienst mit Dekan Martin Komarek beginnt um 11 Uhr. Die kleine „Hüterin“ soll dann in der Unterhöfe-Kapelle ausgestellt werden.

Eine Legende rankt sich auch um den Bau der Kapelle vor 250 Jahren: Die Bevölkerung soll sie aus Dankbarkeit gebaut haben, weil die Siedlung von Naturkatastrophen verschont geblieben ist. Man befürchtete, ähnlich wie beim Sanna-Hochwasser 2005, dass der Unterhöfe-Hang abrutschen könnte.


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