Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 14.10.2018


Tirol

„Psychische Gewalt verkürzt das Leben“

Gewalt in Familien hat viele Gesichter – auch „niedermachen“ oder Vernachlässigung gehören dazu. Kinder reagieren darauf oft mit Selbstverletzungen. Welche Folgen psychische Gewalt hat, war Thema einer Tagung in Innsbruck.

© DomanigPsychische Gewalt wird von Fachleuten als Handlung oder Unterlassungen von Eltern definiert. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie sieht sich als Kompetenzzentrum und Anlaufstelle für Eltern und deren Kinder mit psychischen Schwierigkeiten. Foto: Böhm



Von Liane Pircher

Innsbruck — Wenn Kinder und Jugendliche sich an Stellen wie das Innsbrucker KIZ wenden, dann brennt der Hut schon heftig: „Das Hauptthema bei uns ist Gewalt in der Familie, egal, ob physische oder psychische. Oft geht beides Hand in Hand", sagt Karl-Heinz Stark, Leiter des Kriseninterventionszentrums.

Etwa 500 Kinder melden sich pro Jahr im KIZ oder werden gemeldet. Der Großteil von ihnen ist zwischen 14 und 15 Jahre alt, etwa 20 Prozent sind zwischen 12 und 13 Jahren, der Rest ist älter (bis 17 Jahre).

Kathrin Sevecke (Kinder- und Jugendpsychiatrie): „Die Folgen von psychischer Gewalt in der Kindheit machen sich oft erst viele Jahre später bemerkbar.“
- meduni

In den meisten Familien der Betroffenen sei Gewalt in der einen oder anderen Form seit vielen Jahren ein Thema, „das dann in der Pubertät wie eine Bombe explodiert. Die Kinder wollen aus der Gewaltspirale ausbrechen. Bis zu etwa vierzehn Jahren machen Kinder vieles mit, dann ist es aus damit", weiß Stark. Während körperliche Gewalt oft offensichtlich — etwa durch blaue Flecken — zutage tritt, bleibt psychische Gewalt von außen unerkannt. Auch deshalb, weil diese von vielen Eltern unbewusst ausgeübt wird: „Viele Eltern fühlen sich ohnmächtig und setzen in ihrer Hilflosigkeit psychische Gewalt als Erziehungsmittel ein. Sie werden etwa durch verbale Abwertung, Beschimpfungen, Liebesentzug oder durch Vernachlässigung psychisch gewalttätig." Dass psychische Gewalt mindestens so schädlich ist wie körperliche, ist wissenschaftlich längst belegt. Es mindert das Selbstwertgefühl und kann auf Dauer auch zu gesundheitlichen Schäden führen.

Auswirkungen würden sich oft erst Jahre später zeigen, erklärt Kathrin Sevecke, Leiterin der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Tirol Kliniken: „Die Folgen von psychischer Gewalt sind gravierend und zwar so sehr, dass dieser Stress sogar zu neurobiologischen Veränderungen im Gehirn führt. Man weiß auch, dass die Anfälligkeit für weitere psychische Erkrankungen wie Angststörungen, Depressionen, Stimmungsschwankungen, Persönlichkeitsstörungen im Erwachsenenalter erhöht sind."

Fakt sei, so waren sich viele Experten bei dieser Tagung zum Thema „Psychische Gewalt" in Innsbruck einig, dass die Lebenslage der Eltern bei der Ausübung von psychischer Gewalt durchaus eine Rolle spielt. Auch wenn diese Form von Gewalt in allen sozialen Schichten — oft über Generationen überliefert — vorkomme, sei es so, dass Eltern in sozioökonomisch schwierigen Lagen (viel Stress ums finanzielle Überleben, wenig Chancen) eher gewalttätig sind: „Je höher der Belastungsgrad der Eltern, desto weniger Empathie und Geduld bringen diese für ihre Kinder auf. Wenn Eltern aufgrund ihrer schwierigen Lebenssituation viel Stress haben und nicht gut auf ihre Kinder eingehen können, steigt das Risiko für Gewalt", so Sevecke. Es bräuchte mehr therapeutische Angebote in Tirol für Familien, so der allgemeine Tenor der Veranstaltung. Dies würde sich auch im volkswirtschaftlichen Sinne rechnen: Je früher geholfen wird, desto geringer halten sich später die „Reparatur"-Kosten für jene Erwachsene, die aufgrund ihrer frühen Traumen nicht selbstständig lebensfähig sind — und von öffentlicher Hand gestützt werden müssen. Sevecke wünscht sich, dass bei schwierigen Problemlagen schneller die Kinder- und Jugendpsychiatrie als Kompetenzzentrum aufgesucht werde: „Es gibt kein zu kleines Problem, wichtig ist, früh genug Hilfe zu suchen." Ein Aufsuchen wäre etwa dann sinnvoll, wenn Jugendliche sich selbst verletzen, etwa durch Ritze­n. Ein Phänomen, das Experten mittlerweile oft beobachten. Es könne eine Phase sein, aber bei regelmäßigem Ritzen kann auch ein psychiatrisches Problem ursächlich sein — ausgelöst etwa durch Gewalt, so Sevecke.

Zahlen & Fakten

Studien zufolge haben mindestens 22,5?% der 12- bis 17-jährigen Jugendlichen zumindest ein traumatisches Ereignis erlebt (Bremer Jugendstudie 1999).

Rund 30 Prozent der Erwachsenen waren in ihrer Kindheit regelmäßig mit körperlicher Gewalt konfrontiert, etwa 11 Prozent haben emotionale Misshandlungen in der Kindheit erfahren, etwa 18 Prozent waren mit Eltern mit psychischen Problemen in einem Haushalt (ACE-Befragung an rund 18.000 Erwachsenen).

Folgen von Traumen sind u.?a. Leistungsversagen, Identitätsveränderung, Depressionen, selbstzerstörerisches Verhalten durch Alkohol, Drogen.