Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 17.10.2018


Innsbruck-Land

Wie junge Ärzte Praxis in der Praxis sammeln

Seit heuer ist eine sechsmonatige Lehrpraxis für Allgemeinmediziner verpflichtend. In Fulpmes klappt dieses Modell bereits ausgezeichnet.

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© Domanig



Fulpmes – Mit Inkrafttreten der neuen Ausbildungsordnung ist es für angehende Allgemeinmediziner seit heuer verpflichtend, am Ende ihrer Ausbildung sechs Monate in einer Lehrpraxis zu arbeiten – also direkt bei einem Hausarzt. Dies sei Teil eines Maßnahmenbündels, um die Versorgung mit Allgemeinmedizinern zu gewährleisten, erklärt Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg, der von einem „wesentlichen Impuls für die Sicherung speziell der landärztlichen Versorgung“ spricht. Derzeit gibt es 38 Lehrpraxen in allen Bezirken.

Den wesentlichen Unterschied zu früher erklärt Tirols Ärztekammerpräsident Artur Wechselberger: „Bis heuer war die sechsmonatige Ausbildung in der Lehrpraxis freiwillig, auch die Arbeit in einer Krankenhausambulanz wurde angerechnet. Das war unbefriedigend.“ Denn: „Allgemeinmedizin ist nicht die Summe von Spezialdisziplinen, sondern selbst eine Spezialdisziplin, die nur in diesem Setting erlernbar ist.“ Primär- und Akutversorgung in einer Praxis, präventive Maßnahmen, die Betreuung chronisch Kranker, Palliativmedizin – „diese Breite kann ich im Krankenhaus nicht lernen“. Es gehe darum, die Leute möglichst früh an die Allgemeinmedizin heranzuführen.

Dass die verpflichtende Lehrpraxis ab 2022 auf neun Monate und ab 2027 auf ein Jahr verlängert wird, begrüßt Wechselberger naturgemäß – die Ärztekammer war hier sogar stets für zwei Jahre eingetreten. Neu ist auch die Finanzierung: Der Lehrpraxisinhaber trägt nur noch zehn Prozent der Gehaltskosten, den Löwenanteil übernehmen Land, Tiroler Gebietskrankenkasse und Bund.

„Die verpflichtende Lehrpraxis ist wichtig, um guten Nachwuchs für das Kassensystem zu gewinnen“, bekräftigt Bernhard Schreiner (TGKK). In den letzten Jahren gab es bei der Besetzung von Landarztstellen bekanntlich immer wieder Probleme, derzeit sind fünf Stellen in Tirol offen.

Wie sehr junge Turnusärzte von der praxisnahen Ausbildung profitieren können, beschreibt Lehrpraktikantin Sandra Renk – sie ist noch bis November in der „Praxisgemeinschaft Dr. Somavilla“ in Fulpmes tätig. „Hier macht man alles: Gipsen, Verbandswechsel, kleine Operationen. Man sieht Krankheitsbilder, die man in der Klinik nicht mitbekommt, und arbeitet wirklich gleichwertig mit.“ Zugleich würden Jungärzte so auch das Verschreibungssystem, „das Bürokratische und Unternehmerische“ sowie den immer wichtigeren „Teamgedanken“ mitbekommen, ergänzt Lehrpraxisinhaber Matthias Somavilla.

Schade findet Renk, dass nur 30 Wochenstunden gefördert werden. „Wenn mich Dr. Somavilla nicht für 40 Stunden angestellt hätte und ich nicht auch Nachtdienste an der Kinderklinik machen dürfte, wäre der Gehaltseinbruch am Ausbildungsende massiv.“ Eine Tätigkeit als klassische Landärztin, „ganz nahe am Patienten“, kann sich Renk jedenfalls „sehr gut vorstellen“, besonders gern in einer Gemeinschaftspraxis: „Der Austausch mit erfahrenen Kollegen ist total befruchtend.“ (md)