Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 19.10.2018


Bezirk Schwaz

Kinder-Reha in Wiesing: Mehr Lärm erlaubt als für Touristen

Die Widmung für die geplante Kinder-Reha neben der A12 in Wiesing wirft Fragen auf. Das Transitforum schlägt Alarm.

Neben der Achensee-Bundesstraße bei der Autobahnausfahrt Wiesing will die SeneCura die Kinder-Reha bauen. Der Lärmpegel liegt am Tag bei 58 Dezibel, im Wohngebiet gelten 50 Dezibel als Planrichtwert.

© DählingNeben der Achensee-Bundesstraße bei der Autobahnausfahrt Wiesing will die SeneCura die Kinder-Reha bauen. Der Lärmpegel liegt am Tag bei 58 Dezibel, im Wohngebiet gelten 50 Dezibel als Planrichtwert.



Von Angela Dähling

Schwaz – Mit heutigem Tag ist er rechtskräftig: der Widmungsbescheid für die Kinder-Reha in Wiesing. Lediglich einen Grundstücksstreifen, der direkt an die Achensee-Bundesstraße grenzt, hat die Abteilung Raumordnung im aufsichtsbehördlichen Genehmigungsverfahren von der Sonderwidmung ausgeschlossen.

Für das Transitforum ist die Widmung sowie das ganz­e Projekt Kinder-Reha an einem derart verkehrsbelaste­ten Standort verantwortungslos. „Es ist eine Blamage für den Bürgermeister, Gesundheitslandesrat Tilg und die SeneCura, auf diesem luft- und lärmbelasteten Standort eine Kinder-Reha errichten zu wollen“, wettert Transitforums-Obmann Fritz Gurgise­r. In einem Brief schreibt er dem Errichter und Betreiber SeneCura ins Gewissen und empfiehlt, „von diesem Standort dringend Abstand zu nehmen“ und in Tirol einen anderen Ort mit guter Luft und Ruhe zu suchen.

Wie berichtet, gehört das 12.000 m² große Areal nahe der Autobahn in Wiesing dem Bürgermeister Alois Aschberger. Die SeneCura will dort 22 Plätze für die mobilisierende Rehabilitation und 15 Plätze für die psychische Rehabilitation von Kindern errichten. BM Aschberger und sein Stanser Amtskollege Michael Huber hatten sich intensiv und erfolgreich beim Hauptverband der Sozialversicherungen in Wien für die Realisierung eingesetzt. Im Juli 2017 bekam die SeneCura den Zuschlag vom Hauptverband.

Anton Kellner (SeneCura), LR Bernhard Tilg, BM Alois Aschberger und BM Michael Huber (v.?l.) präsentierten im Februar die Pläne.
Anton Kellner (SeneCura), LR Bernhard Tilg, BM Alois Aschberger und BM Michael Huber (v.?l.) präsentierten im Februar die Pläne.
- Dähling

Für Gurgiser ist nicht nur dieser Zuschlag fragwürdig, sondern auch das lärmtechnische Gutachten, das der Widmung für die „medizinische Infrastruktur“ zugrunde liegt. Es wurde im September im Auftrag der Gemeinde erstellt. Der Dauerschallpegel liegt demnach bei 56 bis 58 Dezibel am Tag und 49 bis 50 dB in der Nacht auf dem künftigen Kinder-Reha-Areal. Die Planrichtwerte liegen für Wohngebiete mit 50 dB am Tag und 40 dB in der Nacht deutlich darunter. Selbst für Tourismusgebiete werden niedrigere Planrichtwerte angegeben. Der Gutachter kommt zu dem Schluss, dass „eine Umwidmung in Sonderfläche standortgebunden mit der Festlegung des Verwendungszwecks als medizinische Infrastruktur ohne weitere Maßnahmen möglich ist“. Der Grund: Die Sonderfläche „Medizinische Infrastruktur“ fällt laut § 43 unter dieselben Richtwerte, die für allgemeines Mischgebiet gelten: nämlich 65 dB am Tag und 55 dB in der Nacht.

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„Dieses Gutachten sollte durch den Lärmschutzbeauftragten des Landes auf Plausibilität überprüft werden. Dem ist man nicht nachgekommen“, sagt Gurgiser. „Es ist mir rätselhaft und hoch aufklärungsbedürftig, wie eine solche Widmung zustande kommen konnte“, meint auch der Umwelt- und Sozialmediziner Peter Lercher aus Innsbruck. Er bemängelt, dass es keine Lärm-Planungsrichtwerte für Krankenanstalten in Tirol gibt. In Salzburg sei das anders. „Dort liegen die Grenzwerte bei 45 dB am Tag und 35 dB in der Nacht“, weiß Lercher. Er weist zudem auf die Luftbelastung hin, die ähnlich überhöht wie jene an der Messstelle Vomp-An der Leiten sein dürfte, mit einem NO2-Jahresmittelwert von 35 µg/m³. Der Grenzwert liegt bei 30 µg/m³, die WHO sieht 20 µg/m³ als Grenzwert vor. Gurgiser: „Der Platz eignet sich vielleicht für ein pathologisches Institut, nicht für eine Kinder-Reha.“

BM Alois Aschberger sagt: „Ich vertraue auf die SeneCura, die werden wissen, was sie machen. Ich bin kein Experte, nur einfacher Bürgermeister.“ Ihn wundere zudem, dass die Wiesinger noch leben bei derartigen Belastungen, und er stellt auch die Reha Münster aufgrund ihrer Nähe zur A12 damit in Frage. Auch Gesundheitslandesrat Bernhard Tilg schiebt den Ball weiter – auf das Vergabeverfahre­n des Hauptverbandes der österreichischen Sozialversicherungsträger und den Zuschlag für die SeneCura mit dem Standort Wiesing. Seitens der Abteilung Baurecht war der Zuständige gestern bis Redaktionsschluss nicht erreichbar. Die SeneCura versichert, dass der Standort über eine mehrjährige Planungsphase hinweg gemäß allen behördlichen Richtlinien umfassend geprüft wurde – in enger Zusammenarbeit mit Gemeinde, Land Tirol und dem Hauptverband der Sozialversicherungsträger. Die sanitätsbehördliche Begutachtung laufe. Der Standort verfüge über eine gute Infrastruktur und gut erreichbare Naturerlebnisse in der Umgebung.