Letztes Update am Mo, 22.10.2018 10:03

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Das „Heimweh“ war für eine Lienzerin ein Tumor

Einen langen Leidensweg hat eine Lienzerin hinter sich. Ein Tumor wurde nicht erkannt. Aus dem Topf des Patientenentschädigungsfonds erhielt sie nun Geld.

Mit der Behandlung in einem Tiroler Krankenhaus war ein Osttiroler Ehepaar nicht zufrieden.

© iStockMit der Behandlung in einem Tiroler Krankenhaus war ein Osttiroler Ehepaar nicht zufrieden.



Von Irene Rapp

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

Innsbruck – Die ersten Beschwerden fingen im Jänner 2015 an: Ein schmerzvoller, vom Rücken ausgehender Druck im Bauchbereich, der sich vor allem am Morgen bemerkbar machte, quälte die gebürtige Russin, die in Lienz verheiratet ist. Der Arzt stellte bei der 32-Jährigen eine Nierensenkung und eine leichte Gastritis fest, mit entsprechender Medikation.

Doch die Schmerzen wurden nicht weniger und „traten auch untertags auf“, erzählt Vera Freiberger. Der Hausarzt attestierte Heimweh und verschrieb ihr Magentabletten sowie Beruhigungstropfen. Ab Februar 2016 wurde die Situation immer unerträglicher: Die Frau konnte nicht mehr durchschlafen und nachdem sie nach einer Nacht fast nicht mehr aufstehen konnte, „bin ich mit ihr ins Lienzer Krankenhaus gefahren“, erzählt Ehemann Tobias Freiberger.

MRT in Russland

Dort bekam sie Schmerzmittel gespritzt, am 17. April wurde die Frau stationär aufgenommen, Untersuchungen folgten: „Man machte u. a. eine Magnetresonanztomographie von der Lendenwirbelsäule. Ich erhielt Schmerzmittel sowie Physiotherapie. Und mir wurden Psychopharmaka verschrieben.“

Am letzten Tag des Aufenthalts fragte dann ein Mediziner, warum man keine Magnetresonanztomographie von der Brustwirbelsäule gemacht habe. Nach den Behandlungsunterlagen war eine solche angekündigt worden, wurde aber letztendlich nicht durchgeführt. Wieder daheim tat Vera Freiberger alles, was ihr die Ärzte geraten hatten – sie schonte sich und fand sich damit ab, dass ihre Schmerzen wohl psychischer Natur seien.

„Sogar zu einer Heilerin gingen wir“, erzählt Freiberger. Besserung gab es keine, dafür traten vermehrt Muskelzuckungen im Bauchbereich auf. Erneut kam die Frau ins Lienzer Krankenhaus, wieder kam nichts heraus. Schließlich nahm die Mutter der Russin die Sache in die Hand. „Sie hat im Internet nach möglichen Ursachen gesucht und schließlich bei einem Neurologen einen Termin ausgemacht“, berichtet die Lienzerin. Im Juni 2016 flog sie daher trotz Schmerzen nach Nowosibirsk, wo eine Magnetresonanztomographie (MRT) der Brustwirbelsäule gemacht wurde. Das Ergebnis: Ein 3 Zentimeter großer Tumor zwischen dem 8. und 9. Brustwirbel, knapp unterhalb der Schulterblätter, war Grund für die Beschwerden.

Die Tiroler Patientenvertretung

Was tun, wenn man sich als Patient einer Kranken- bzw. Kuranstalt oder eines Rettungsdienstes unzureichend behandelt fühlt? Man kann sich an die Tiroler Patientenvertretung wenden. Dabei handelt es sich um eine Einrichtung des Landes. Patientenanwalt ist seit 2009 der Jurist Birger Rudisch. Im Jahr 2017 zählte die Patientenvertretung 1526 Erstkontakte. Häufig geht es um die Themen Wartezeiten, Pflege- und Behandlungsfehler sowie Freundlichkeit des medizinischen bzw. Pflegepersonals.

Entstehen für mich als Patienten Kosten, wenn ich den Patientenanwalt aufsuche?

Nein, dieses Angebot ist kostenlos. Zudem ist die Patientenvertretung unabhängig, weisungsfrei, verschwiegen und ausschließlich außergerichtlich tätig.

Was macht die Patientenvertretung?

Der Patientenanwalt nimmt Kontakt zu den betreffenden Einrichtungen auf und bittet um deren Stellungnahme. Oft werden auch Gutachten in Auftrag gegeben.

Was ist der Patientenentschädigungsfonds?

Der Patientenentschädigungsfonds wird u. a. aus jenen Geldern gespeist, die jeder Patient für einen stationären Aufenthalt in einer Krankenanstalt zu zahlen hat. Pro Tag im Krankenhaus wandern 73 Cent in diesen Topf. Jedes Jahr fließen so rund 800.000 Euro in den Patientenentschädigungsfonds.

Bis zu welcher Höhe werden Entschädigungen ausgezahlt?

Bei positiven Entscheidungen werden im Schnitt 7500 Euro ausgezahlt, maximal sind 70.000 Euro Auszahlung möglich.

Information:

Die Tiroler Patientenvertretung ist unter Tel. 0512/508/7702 bzw. patientenvertretung@tirol.gv.at erreichbar.

Es blieben offene Fragen

Ob dieser gutartig oder bösartig war, konnte nicht genau gesagt werden. „Wir haben dann die Ärzte im Lienzer Krankenhaus kontaktiert, was wir tun sollen. Da hat es geheißen, dass man nach der Rückkehr nach Tirol eine Entscheidung treffen werde“, so Tobias Freiberger. Doch darauf wollten sich die beiden nicht mehr einlassen: Seine Ehefrau wurde Ende Juni 2016 in Russland operiert – „und hatte endlich Glück“, wie sie es nennt: Der Tumor war gutartig, bereits am nächsten Tag gab es keine Beschwerden mehr.

Was dem Ehepaar blieb, war das Gefühl, in Österreich nicht gut genug behandelt worden zu sein. „Warum wurde kein MRT von der Brustwirbelsäule gemacht? Warum hat man den Tumor nicht im Lienzer Krankenhaus erkannt? Und warum wurden die Beschwerden immer nur vor einem psychosomatischen Hintergrund gesehen?“, so Tobias Freiberger.

„ Wir sind eine juris­tische Einrichtung, lösen aber Streitfälle durch Verhandlungen.“
Birger Rudisch (Patientenanwalt)

In der Folge wandte man sich an Patientenanwalt Birger Rudisch. Seit 2009 im Amt vertritt er Patienten der Kranken- und Kuranstalten sowie Rettungsdienste in Tirol. „Wir sind zwar eine juristische Einrichtung, lösen aber Streitfälle nicht vor Gericht, sondern durch Verhandlungen“, sagt er. Rudisch setzte sich zunächst mit dem Lienzer Krankenhaus in Verbindung. Auch die Haftpflichtversicherung der Krankenanstalt erhielt ein Schreiben mit der Bitte um Klärung.

In der Folge wurden zahlreiche Gutachten in Auftrag gegeben, u. a. mit dem Ergebnis, „dass bei der Frau aus neurologisch-psychiatrischer Sicht alles untersucht worden und kein Fehler der behandelnden Ärzte nachzuweisen sei“, sagt Rudisch. Für die Haftpflichtversicherung war damit der Fall erledigt. Im September 2017 legte Rudisch daher den Antrag der Patientin dem Patentenentschädigungsfonds vor. Die aus drei Mitgliedern bestehende Entschädigungskommission des Fonds entschied sich schließlich, 3500 Euro an die Patientin auszuzahlen. „Weil bei der Behandlung ein Schaden entstanden, die Haftungsfrage aber nicht eindeutig geklärt ist“, erklärt Rudisch. Für das Ehepaar Freiberger „zumindest eine kleine Genugtuung“ und ein Beitrag zu den in Russland entstandenen Kosten.




Kommentieren


Schlagworte